Zur Zivilisationsgeschichte
Ein
Grundmodell der Gesellschaftsentwicklung
Die Entwicklung der menschlichen Zivilisation von den Anfängen bis zur
Gegenwart wird auf unterschiedliche Weise dargestellt bzw.
"modelliert". Ein allgemein anerkanntes Grundmodell gibt es nicht.
Das Modell des historischen Materialismus, das zweifellos in der jüngeren
Geschichte die größte Verbreitung und Anerkennung gefunden hatte, ist von
vielen seiner Verfechter und Mitkonstrukteure schließlich verworfen worden oder
wird verschämt verschwiegen, z. T. auch bewußt totgeschwiegen. Damit hat eine
wichtige theoretische und praktische Integrationstendenz zumindest zeitweilig
aufgehört zu wirken.
Die Gegenstrategie, die in der "Moderne" favorisierte
"pluralistische" Geschichtsbetrachtung, liefert differenzierte
Teilmodelle, die bestenfalls zur Bildung von "Schulen" führen. Ein
einheitliches Geschichtsbild wird für unmöglich gehalten und offensichtlich
nicht angestrebt. Im Vordergrund stehen einerseits Wahrheit und Richtigkeit der
gemachten Aussagen über historische Sachverhalte und ihre möglichen Ursachen,
andererseits aber die Vermarktbarkeit von Forschung oder Lehre, nicht dagegen
ihr Wirkungsgrad oder "Gebrauchswert" für zukunftsrelevante Entscheidungen
durch die tatsächlichen oder vermeintlichen Gestalter der Geschichte, die Masse
der Menschen selbst. Entscheidungen über geschichtswirksame Prozesse globalen
Ausmaßes, wie sie unter der immer bedrückenderen Aussicht auf ein baldiges Ende
der gesamtmenschlichen Existenz einerseits und einen möglichen Ausweg durch den
Übergang in eine neue und „höhere Gesellschaftsformation“, die
Informationsgesellschaft andererseits, dringend nötig wären, kommen so nicht
zustande. Gläubigkeit in die halbe Macht des Schicksals und die halbe Ohnmacht
gesellschaftlicher Eliten lassen die in irgendeiner Hinsicht "unter dem
Durchschnitt" Lebenden großenteils in Lethargie oder Verzweiflung
dahindämmern, während sich "die Satten" mit allen Mitteln gegen einen
Zugriff auf ihren Besitzstand abzusichern suchen. Ihre beste
Sicherheitsgarantie ist ihr "Gewaltmonopol". Angesichts dieser fast
weltweiten Kapitulation des menschlichen Bewußtseins vor den
"Gesetzen" des Marktes einerseits und denen des Kampfes ums Daseins,
der auf Stärke beruhenden Macht von Menschen, Göttern oder Zufällen
andererseits scheint eine neue Wissenschaftsstrategie erforderlich, die etwa
wie folgt formuliert werden könnte:
1. Die zentrale Aufgabe der Wissenschaften ist die
kollektive und zielstrebige "Produktion" von entscheidungsfördernder
Information für die Masse der überlebenswilligen Menschheit, nicht von
Machtmitteln für Eliten.
2. Die Produkte wissenschaftlicher Tätigkeit müssen
in Qualität und Quantität den Bedürfnissen einer Menschheit dienen, die ein
dynamisches Gleichgewicht zwischen gewachsener Natur und menschengeschaffener
Zivilisation einzuhalten hat. Sie dürften am zweckmäßigsten in der Form
diagnostischer und prognostischer Modelle strukturiert werden (Beschreibungen
und Erklärungen von Sachverhalten, Zielmodelle und Strategien für ihr Bewahren
und/oder Verändern).
3. Diese Zielsetzung kann nur durch Vollendung der
begonnenen technologischen Entwicklung erreicht werden, d. h. durch die
Weiterentwicklung und zielstrebige Nutzung der technischen Informationsverarbeitung.
4. Der lange und mühevolle Weg der
gesellschaftlichen Erkenntnis durch den "wissenschaftlichen
Meinungsstreit" auf der Grundlage des naturhaften menschlichen
"Erkenntnisapparates" ist durch neue Kooperationsformen mit höherer
Effektivität, vor allem unter Zeitgewinn, abzulösen. Die Möglichkeiten
kreativer geistiger Betätigung werden damit nicht beschränkt sondern erweitert.
Das
"innere Modell" unserer Zeit
In den unterschiedlichen historischen Epochen der Zivilisationsgeschichte
entwickelten die Menschen unterschiedliche Weltbilder, Weltanschauungen oder
"innere Modelle". Erst mit zunehmender internationaler Kommunikation,
besonders seit dem Entstehen des europäischen "Kapitalismus", glichen
sich diese Bewußtseinskomplexe einander etwas stärker an. Heute wird dieser
Prozeß durch die Fernwirkung der elektronischen Medien stark beschleunigt.
Zuvor war das gesamtgesellschaftliche Bewußtsein in stärkerem Maße regional
differenziert. Diese Differenzierung kann durch die neuen Medien natürlich auch
bewußt oder aus Unkenntnis der Erfordernisse aufrecht erhalten oder vertieft
werden, um den Bestand vorhandener Machtstrukturen zu sichern. Es spricht jedoch sehr vieles dafür, daß es
eine Gesetzmäßigkeit der Entwicklung gab, die in einer gewissen
Zwangsläufigkeit die vormenschliche Evolution fortsetzte. Sie ist auf eine
„Vollendung“ der Zivilisationsentwicklung gerichtet, die mit der technischen
Informationsverarbeitung ihr höchstmögliches Stadium erreicht.
Dieser Zusammenhang konnte erst deutlich werden, als sich der moderne
Systembegriff durchzusetzen begann und das ältere Körper/Geist-Modell (oder
Körper/Seele-Modell, auch Erde/Himmel, Mensch/Gott) der Antike und des
Mittelalters ablöste.
Als das Wesen dieses Systemmodells dürfte die dialektische
(komplementäre, bipolare) Einheit von Körper
und zugehörigem Feld anzusehen sein.
Die Entdeckung des (physikalischen) Feldes als ein "materielles"
Phänomen im Zusammenhang mit der technischen Energietransformation der letzten
2-3 Jahrhunderte ist eine in ihrer geistesgeschichtlichen Tragweite noch
unzureichend erschlossene zivilisatorische Großtat. Sie berührte nahezu alle
gesellschaftlichen Theorien und Praktiken unseres Zeitalters und prägte unser
modernes Weltbild.
Allerdings ist dieser Prozeß bisher nicht abgeschlossen. Er führte in
einer ersten Phase vorwiegend zu einer folgenreichen und äußerst gefährlichen
Überbewertung des energetischen
Feldaspektes. Kraft, Stärke, Energie, Gewalt, Macht wurden zu Zentralbegriffen
dieser Phase. Der dialektische Doppelcharakter des Feldes blieb bis heute
unterbewertet. Er dürfte in der Komplementarität von Energie und Information
bestehen. Die diesbezügliche Forschung und Begriffsbildung ist nicht
abgeschlossen.
Die hier vertretene Auffassung
beruht nicht so sehr auf einem "anerkannten Begriffssystem" als
vielmehr auf beobachtbaren Sachverhalten. Und die weisen darauf hin, daß der
Feldbegriff ohne die Berücksichtigung des "informationellen Anteils"
aller Felder nicht vollständig ist. Die technologische Entwicklung seit der
Erfindung des Computers bestätigt diese Auffassung. Dabei ist es zunächst ohne
Belang, wie differenziert die Meinungen über diese
"Computer-Revolution" derzeit sind. Nach anfänglicher Euphorie vor
fast drei Jahrzehnten ist jetzt eher
Ernüchterung und Ablehnung zu spüren (vgl. POSTMAN 1992).
Es würde sich zeigen lassen, daß neue Technologien gewöhnlich zunächst
zur Überhöhung und "Stärkung" alter Wertvorstellungen genutzt werden.
Das ist bei der technischen Informationsverarbeitung nicht anders: Sie stärkt
in der ersten Phase die überlebten Strukturen der auf Besitz und Stärke
beruhenden "kapitalistisch-imperialistischen" Gesellschaftssysteme,
gegenwärtig also vor allem die staatlichen, wirtschaftlichen, militärischen und
anderen Monopole oder "Technopole" (POSTMAN 1992). Erfahrungsgemäß
schlägt das Pendel später in eine Gegenrichtung um.
Die Anwendbarkeit eines dialektischen Systembegriffes soll das folgende
Diagramm demonstrieren (Abb.1). Es zeigt die vier
"Grundeigenschaften" der Systeme "Mensch" und
"Gesellschaft". Auch alle anderen uns bekannten "Systeme",
anorganische und lebende, kosmische und technische, scheinen durch diese
Eigenschaften umfassend beschreibbar.
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Abb. 1 Grundeigenschaften und Grundprozesse der Systeme
"Mensch" und "Gesellschaft" und ihrer wichtigsten (?)
Teilsysteme. Die Teilsysteme erfüllen Teilfunktionen. Sie sind jedoch bei
isolierter Betrachtung wie "selbständige" Systeme zu erkennen.
Die vier Eigenschaftskomplexe widerspiegeln sich auch in den
Grundprozessen, die in Systemen oder zwischen ihnen ablaufen (Wechselwirkungen
von Teilsystemen). Es ergeben sich damit Klassifikationsmöglichkeiten, die
einen universellen Zusammenhang zwischen Systemen aller Art und Größenordnung
andeuten, wie er auch vom dialektischen Materialismus betont wurde.
Einige Verständnisschwierigkeiten mögen sich ergeben, wenn man einen zu
engen Informationsbegriff zugrunde legt. Information wird hier nicht als ein
Phänomen betrachtet, das nur auf die Systembereiche Mensch oder höheres Lebewesen
anwendbar ist. Sie gilt vielmehr als eine universelle
Feldeigenschaft aller Systeme. "Informationelle Wechselwirkung"
ist also eine unerläßliche Form der "Kommunikation" zwischen
Systemen. Sie läuft mithin auch auf der Ebene "reiner" physikalischer
Wechselwirkungen ab. Als unsinnig darf man aber wohl die Folgerung ansehen, daß
informationelle Wechselwirkungen auf die "Lebendigkeit" von Systemen
hinweisen (Gaia-Hypothese, vgl. CAPRA).
Aus dem vorgestellten Modell lassen sich zeitliche Ereignisfolgen, also strukturierte Prozesse, nicht
ablesen. Diese sind in einem weiteren Modell angedeutet (Abb. 2).
Grundmodell der
Zivilisationsgeschichte
Auf der Grundlage der oben dargelegten Systemvorstellungen ist eine
mehrphasige Entwicklung der menschlichen Gesellschaft während des
Gesamtverlaufes ihrer Geschichte darstellbar. Es ergibt sich ein logischer
innerer Zusammenhang, der in anderen Modellen nicht immer erkennbar ist. Obwohl
allen moderneren Modellen gleiche Fakten zugrunde liegen, sind die
Klassifikationsprinzipien auf Grund abweichender "innerer Modelle"
(Begriffssysteme) unterschiedlich.
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Abb. 2 Modell der Zivilisationsentwicklung in vier Transformationsphasen,
die von einer zukünftigen Ära der "Reformation" oder
"zivilisatorischen Rückformung" abgelöst werden müßten, um die
naturgegebenen Möglichkeiten der Menschheitsentwicklung voll auszuschöpfen.
Die
Phasen 1-4 entsprechen i.w. der Formationsfolge des hist. Materialismus
Urgesellschaft - Sklaverei plus Feudalismus - Kapitalismus - noch unbenannter
Nachkapitalismus. Die hier benutzte Terminologie lautet Gefügezeitalter, Stoff-,
Energie-, Informationszeitalter.
Der hist. Materialismus besaß das innere Modell einer stufenförmigen
Höherentwicklung bei Ablösung alter durch neue
"Gesellschaftsformationen" oder "Produktionsweisen". Als
Merkmal der "Höherentwicklung" galt die Entwicklung der
"Produktivkräfte". Der innere Zusammenhang dieser unterschiedlichen
Produktivkräfte war ähnlich wie in der Geologie (mit ihrer aus Leitfossilen und
Schichtlagerung abgelesenen Formationsfolge) auf relativ willkürlich gewählte Leitmerkmale gegründet. Auf diese Weise
war z. B. keine begründete Prognose über zukünftige Produktivkräfte möglich.
Die Zugrundelegung des Kraftbegriffes zwang zu einem quantitativen
Denken: Eine "höhere" Gesellschaftsformation mußte sich vor allem
durch ein Mehr an Produktivkraft auszeichnen. Der destruktive Charakter von
"Kräften" ("Zerstörungskraft") wurde nicht berücksichtigt.
Der im Energiezeitalter noch nicht erkannte Doppelcharakter des Feldes
führte zur Überbewertung des Phänomens "Kraft" und aller damit
verbundenen Erscheinungen. Der Versuch, alle gesellschaftlichen Systemmerkmale
und Prozesse aus dem Wirken von (Produktiv-)Kräften zu erklären und die
Zivilisationsgeschichte nach den Produktionsweisen
zu klassifizieren, führte zu theoretischen Fehlschlüssen und praktischen
Fehlhandlungen, die noch nicht abschließend analysiert sind. Systemdenken
erfordert die ganzheitliche Beachtung aller
wesentlichen Systemeigenschaften und -verhaltensweisen.
Es ist hier nicht möglich, alle Aspekte erschöpfend zu behandeln, die
sich aus der systemischen Betrachtungsweise ergeben, die in Abb. 2 verdichtet
ist. Hervorzuheben ist: Der Entwicklungsprozeß vollzieht sich nicht als
mechanisch zu verstehende stufenförmige Höherentwicklung mit Absterben des
"Alten". Die aufeinander folgenden 4 Grundtechnologien leben vielmehr
als sich weiter entwickelnde "Teilsysteme" oder „gesellschaftliche
Organe“ bis in die Gegenwart fort. Dabei beeinflussen sich die Ebenen gegenseitig.
Die ursprüngliche Gefügetransformation der ersten Zivilisationsstufe
(Gefügezeitalter G1, "Steinzeit") erfuhr durch die Entstehung einer
stoffverändernden Technologie (S2, besonders zunächst als Metallurgie) eine
wesentliche Weiterentwicklung (z.B. Baustoffe wie Branntkalk, Metallwerkzeuge
für Megalithbauten). Marx und Engels erkannten in der Entwicklung spezieller
Instrumente der Gefügetransformation
"Leitfossilien" für einige ihrer "Produktionsweisen"
(Handmühle - Windmühle - Dampfmühle für Sklaverei, Feudalismus, Kapitalismus).
Eine weitere veränderte Betrachtungsweise ergibt sich hinsichtlich der
unterschiedlichen regionalen Verbreitung oder zeitlichen Entwicklung der
einzelnen Zivilisationsstufen. Die einzige weltweit verbreitete Technologie war
über Jahrhunderttausende die der Gefügetransformation. Bei noch unentwickelter
globaler Kommunikation bildeten sich zahlreiche "ökologische
Nischen", in denen die Entwicklung stagnierte oder eigene Wege ging. So
wurde die Stofftransformation bis zur "kapitalistischen" oder
energiezeitlichen europäischen Expansion vor allem in dem miteinander
kommunizierenden eurasiatischen Raum entwickelt. Die Bevölkerung Amerikas,
Australiens und von Teilen Afrikas und Asiens verharrte auf der Stufe der
Gefügetransformation.
Die bisher folgenreichste
Beeinflussung der gesamtmenschlichen
Zivilisation war mit der "Entdeckung" des "Feldes"
verbunden. Sie führte zu einer Überwindung des alten Körperdenkens, das
zahllose reale Grenzlinien und Grenzflächen und geistige Tabus berücksichtigte.
Es begann das Zeitalter der "unbegrenzten Möglichkeiten",
realisierbar durch technisch produzierbare Kräfte. Das brachte die menschliche
Zivilisation auf den höchsten mit "Energie" erreichbaren Gipfel, der
zugleich der Rand eines Abgrundes ist.
Die mit dem hist. Materialismus als Sozialismus/Kommunismus angestrebten
neuen Gesellschaftsformationen erweisen sich bei der hier vorgenommenen
Klassifikation als Varianten des Energiezeitalters. Sie beruhten auf den
prinzipiell gleichen Grundtechnologien (wie im "Kapitalismus") und
kamen nicht über sie hinaus. Ein gravierender Unterschied bestand jedoch in
einem anderen gesellschaftlichen Zielmodell: der Aufhebung der inneren
Differenzierung der Gesellschaft in Besitzende und Nichtbesitzende (Besitz an
Produktionsmitteln) und in Machtausübende und Machtlose.
Diese Integrationstendenz blieb in der Realität des auf einseitige
Kraftentfaltung orientierten Energiezeitalters eine nicht zu verwirklichende
Utopie. Diese Einseitigkeit beruht auf dem Widerspruch von technisch
produzierbarer Energie und lediglich mit naturhaften Mitteln produzierbarer
Information. Das Ungleichgewicht ist theoretisch nur mit Hilfe der nächsten und
vom Systembegriff her letztmöglichen Grundtechnologie zu
"überwinden". Es dürfte dabei nicht möglich sein, den Vorstellungen
des hist. Materialismus folgend, Integration (Gleichheit) an die Stelle der
gegenwärtig vorherrschenden Differenzierung (Pluralismus) zu setzen. Was als
Optimum erreichbar sein wird, dürfte ein dynamisches Gleichgewicht zwischen
beiden Tendenzen sein.
Prognostisches
Modell - Ziel und Strategie
Die bisher angedeuteten beschreibenden und erklärenden
diagnostischen Aussagen über Zustand und bisherige Entwicklung der menschlichen
Zivilisation sind in den Diagrammen sehr stark verdichtet. Sie stellen
gewissermaßen nur einen relativ engen "statistischen Mittelwert" der
gegenwärtigen Modellvorstellungen dar. Eine Anpassung an die individuellen,
sehr heterogenen "inneren Modelle" von einigen Milliarden lebender
Menschen erscheint bei dem chaotischen Momentanzustand des naturhaften
menschlichen "Erkenntnisapparates" nahezu aussichtslos. Diese
Chaosnähe ist teils zwangsläufig durch den erreichten Zustand der ausufernden
Zivilisation bedingt, teils wird sie im Interesse der geistigen
Manipulierbarkeit der Menschen bewußt aufrechterhalten oder bis nahe an einen
kritischen Wert "herangefahren".
Auf diese Weise wird das dynamische Gleichgewicht zwischen
gesellschaftspolitischen Strategien des Bewahrens
einerseits und des Veränderns
andererseits interessenabhängig gestört. Die Zielsetzungen für einen
Fortbestand der Zivilisation lösen sich damit in Zielsetzungen miteinander
konkurrierender Individuen oder Gruppen auf. Die Gegensätze zwischen diesen
Individuen oder Gruppen erscheinen nach bisherigen historischen Erfahrungen als
unüberbrückbar. Diese "Erfahrungen" sind die der "halben
Dialektik" des Energiezeitalters: Lösung des Widerspruchs durch Kampf der
Gegensätze! Der Gedanke des Kompromisses fand darin nur schwer einen Platz.
Vielleicht wäre auch die Vorstellung von einer Komplementarität
"Widerspruch/Konsens" hilfreich.
Beides geht erst, wenn eine wesentliche "Erweiterung" des zu
engen Bewußtseins möglich ist. Das ist nicht oder nur teilweise durch
lebenslanges Lernen, durch Training der Gehirnzellen zu erreichen, auch nicht
durch "bewußtseinserweiternde Stoffe" (Drogen).
Als historisch erfahrenes Modell für den Übergang von einem
"zivilisatorischen Zeitalter" in ein anderes galt Marx seinerzeit die
französische Revolution, der politische Beginn des Energiezeitalters also.
Dieses Modell, die Strategie des revolutionären, + gewaltsamen
"Umschlages in eine neue Qualität", wurde durch den historischen
Materialismus zweifellos unzulässig verallgemeinert, denn die beiden früheren
Übergänge verliefen in wesentlichen Punkten anders. Systemtheoretische
Verallgemeinerungen derartiger Übergänge sind wenig bekannt. Sie bedürfen
weiterer Bemühungen.
Beim Übergang vom Energiezeitalter
in ein durch die Informationstechnik bestimmtes Zeitalter scheint die Strategie
der "materiellen Gewalt" unzeitgemäß und unanwendbar. Auch der
Übergang der Macht (Entscheidungsbefugnis) von einer Klasse oder Partei an eine
andere, gleich, ob auf legalem "demokratischem" oder gewaltsamem
Wege, scheint ungangbar. Die Möglichkeiten des neuen Zeitalters erschöpfen sich
nicht darin, einer neuen Machtelite zum "Sieg" zu verhelfen. Vielmehr
wäre nun die Möglichkeit gegeben, die Masse der Menschen durch
entscheidungsfördernde Information in die Lage zu versetzen, über ihre eigene
Zukunft selbst gemeinsam zu entscheiden.
Dieser Aspekt wird in der modernen Politik bisher nicht als
gesellschaftliches Ziel angestrebt. Offenbar wird diese Möglichkeit nicht
einmal gesehen oder sie wird als Utopie abgewertet. Natürlich würde sie auch
die Privilegien gewisser Eliten beseitigen, was folgerichtig bei diesen auf
Widerstand stoßen dürfte. Aber bei einer neuen Stufe des gesellschaftlichen
Bewußtseins, die zunächst als Hauptergebnis der Entwicklung zu erwarten ist,
sind natürlich auch Einsichten möglich, die heute noch als unwahrscheinlich
gelten.
Wenn hier mit einem relativ großen Optimismus auf die Möglichkeiten einer
neuen Zeit vertraut wird, so gründet dieser auch auf einer möglichen
Neubewertung des sogenannten Unbewußten, der "Gefühle", Reflexe usw.
Bei allen diesen Phänomenen handelt es sich um Prozesse der
Informationsverarbeitung in entwicklungsgeschichtlich älteren und räumlich
tiefer liegenden Gehirnsphären. Ihre Bedeutung besteht darin, daß sie eine
gewisse automatische Reizverarbeitung unter Ausschaltung bewußt werdender
Entscheidungen ermöglichen. Hier "funktioniert" der Rhythmus
Informieren-Entscheiden-Handeln ohne eigentliche "geistige Arbeit" so
wie es unter Naturbedingungen in vormenschlicher Zeit nötig war.
Es
gibt Theoretiker, die auch in unserer weitentwickelten Zivilisation diesen
Mechanismen eine bestimmende Rolle für menschliches Verhalten beimessen. So
behauptet z. B. MAAZ (1992) in bewußtem Gegensatz zu einer bekannten These des
dialektischen Materialismus: "Das Unbewußte bestimmt das Sein".
Ähnlich schätzen viele Zeitgenossen die Rolle des Bewußtseins bei
gesellschaftlichen Verhaltensweisen recht gering ein. Nach ihnen werden etwa
Entscheidungen "aus dem Bauch" gefällt. Oder es wird davon
ausgegangen, daß notwendige Entscheidungen erst dann (aus Angst) getroffen
werden, wenn ganz unmittelbare Gefahr droht.
Tatsächlich funktioniert dieser Mechanismus auch heute weit wirksamer
als der unter Einschaltung des eigentlichen Bewußtseins (man sollte vielleicht
zur besseren Unterscheidung von Ober- und Unterbewußtsein sprechen). Es ist zu
fragen, ob damit nicht alle Bemühungen um ein gesellschaftliches Handeln auf
der Grundlage von Erkenntnissen, wissenschaftlichen Einsichten,
Informationsmodellen eine sehr geringe Erfolgschance haben. Letztlich scheint
Spontaneität vor Bewußtheit zu rangieren. Die jüngsten Erfahrungen mit der Erfolglosigkeit
generationenlanger Mühen um die Bildung eines "sozialistischen Bewußtseins" liegen
in diesem Trend.
Muß man davon entmutigt sein? Aus zwei Gründen möglicherweise nicht.
1. ist auch die Rolle des Unbewußten in unserm
Handeln durch das Bewußtsein zu ergründen, zu "modellieren", zu
kontrollieren und wird damit zumindest teilweise bewußten Entscheidungen
zugänglich.
2. ist ein wesentlicher Grund für den weitgehenden
Verzicht des Zivilisationswesens Mensch auf Entscheidung das Defizit an
entscheidungsfördernder Information. "Was man nicht weiß, das eben
brauchte man, und was man weiß kann man nicht brauchen", heißt es schon in
Goethes "Faust". Unter diesen Bedingungen verläßt man sich
gezwungenermaßen auf seine Intuition, sein Gefühl. Oder man unterwirft sich der
Macht anderer, die entweder besseren "Durchblick" oder weniger
Skrupel hinsichtlich der Folgen der zu treffenden Entscheidungen haben.
Beide Problembereiche könnten durch produzierte Information weitgehend
gelöst werden. Die Hemmnisse für ein bewußtes Mitentscheiden könnten abgebaut
werden. Der immer wieder vorgebrachte Einwand: "Die Menschen wollen ja gar
nicht entscheiden", könnte damit entkräftet werden. Auch der Gefahr einer
übermäßigen Belastung durch "ständigen Entscheidungsdruck" könnte
begegnet werden. Ähnlich wie die Reflexe von Individuen könnten verstärkt auch
"technische Reflexe" installiert werden, die ohne Belastung des
individuellen Bewußtseins funktionieren. Im Grunde genommen ist die gesamte
zivilisatorische Entwicklung mit ihrer "Arbeitsteilung" zwischen
Mensch und Mensch sowie zwischen Mensch und Technik (Werkzeug, Gerät, Maschine)
ein derartiger Versuch zur Verdrängung von Entscheidung, zur Entlastung durch
Aufgabendifferenzierung. Das Ergebnis war eine gigantische Verfremdung zwischen
Menschen und ihrer "Innen- und Umwelt". Sie würde erst wieder
"aufgehoben" werden können durch die Befähigung zum
verantwortungsbewußten Miteinanderentscheiden auf der Grundlage
geeigneter Information. Es wäre nun möglich, diese Aufgabe bewußt zu lösen.
Ausblick
Der Mensch glaubt sich als Einheit von (Bestand-)Teilen und als Teil von
Systemen "höherer" Größenordnung gewissermaßen auf einem "langen
Marsch" durch Raum und Zeit. Daß dieser Marsch stündlicher, täglicher oder
längerfristiger Unterbrechungen bedarf, daß es Scheidewege, Wendepunkte und
Endpunkte auf ihm gibt, verdrängt er nur zu oft. Wie der "kleine
Häwelmann" im Märchen schreit er zeitlebens: Mehr, mehr!
Den Höhepunkt dieses "Mehr-Mehr" hat die Menschheit mit dem
Energiezeitalter erreicht: Sie verlor den Sinn für die Endlichkeit ihres
Marsches. Sie erreichte und überschritt die Grenzen, die Tabus, die ihre
systemische Ordnung vom Chaos trennten. Napoleon in Moskau, Hitler in
Stalingrad sind Beispiele solcher übersehenen, nicht rechtzeitig erkannten
Wendepunkte, wahrscheinlich auch "die Bombe", vielleicht auch die zu
rasch niedergerissene Mauer in Berlin, die zersägten Schlagbäume in Westeuropa,
die Zerstörung der Umwelt allemal, die Störung aller übrigen Gleichgewichte,
der Übermut des unbegrenzten Fortschritts, des Alles-oder-nichts.
Erst im Angesicht des Nichts, der Katastrophe, des Chaos reagieren wir
durch Panik. Die Wendepunkte für ein rationales, geordnetes Verhalten liegen
irgendwo vor diesem Chaos. Wir haben kein spezielles Sinnesorgan für
Chaos. Wir tappen blind hinein, wenn wir nicht unser gesamtgesellschaftliches
"Informationsverarbeitungssystem" mit allen seinen Kanälen und
Verknüpfungsmöglichkeiten zu nutzen verstehen. Diese Möglichkeit ist erst jetzt
teilweise erreicht. So empfangen wir zumindest die Signale einer vor uns
liegenden Gefahr. Noch verarbeiten wir sie mit unzulänglichen Mitteln: zu
Kassandra-Rufen, denen kaum Glauben geschenkt wird, nicht aber zu praktikablen
Zielmodellen und Gesellschaftsstrategien, bestenfalls zu "angedachten
Auswegen":
v. DITFURTH (1991) vergleicht unsere Situation mit der des biblischen
Mose: Von der zuletzt erreichten Höhe können wir noch einen flüchtigen Blick in
das vor uns liegende "gelobte Land" werfen. Das sei das Ende unseres
Weges. Die Zeit geht weiter, aber ohne uns.
CAPRA (1991) erkennt unsere Epoche als "Wendezeit". Sein
Denken ist energiezeitlich geprägt und so sieht er als philosophierender
Physiker den Ausweg in einem "Solarzeitalter" mit technischer Nutzung
der Sonnenenergie.
MAAZ (1992) ist Psychotherapeut und sieht den Ausweg in einer
"psychischen Revolution", die durch Vermeidung frühkindlicher
Störungen künftiges psychisches Fehlverhalten ausschließen soll.
POSTMAN (1992) will als Hochschullehrer die Macht der Technologien durch
ein Curriculum, ein kulturpolitisches Lehrprogramm für die (amerikanische)
Jugend, überwinden, indem er "liebevolle Widerstandskämpfer" erzieht.
AL GORE (1992) entwickelt Pläne, um das Ungleichgewicht zwischen
Zivilisation und natürlicher Umwelt durch einen "Marshallplan für die
Erde" zu beseitigen.
MICHAIL GORBATSCHOW sollte in diesem Chor ohne Dirigenten nicht
vergessen werden. Mit seiner Politik von Glasnost und Perestroika hat er wie
einst Goethes Zauberlehrling einen Prozeß der Weltverbesserung in Gang zu
bringen versucht, der bis heute allerdings ähnlich unbeabsichtigte Folgen hatte
wie im Gleichnis Goethes. Seine Zauberformel vom "globalen Denken"
gründete auf der alten Utopie von der Beeinflußbarkeit des Bewußtseins durch
"Überzeugungskraft".
Viele sehen den Ausweg nur für sich: Carpe diem, nutze den Tag!
Vielleicht durch größtmöglichen Lustgewinn. Nach uns die Sintflut! Andere verzweifeln oder kehren zurück zu
"den Fundamenten", zu alter "Gläubigkeit" und zur
"Kraft" des Gebetes. Vielleicht ist der oben angedeutete Weg als
einziger noch gangbar?
Zusammenfassung
Die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft ist ein Prozeß, der sich
im Laufe der Geschichte auf unterschiedliche Weise im Bewußtsein
widerspiegelte. Es bestand und besteht ein ursächlicher Zusammenhang zwischen
dem jeweils erreichten "materiellen" Niveau der Zivilisation und dem
"inneren Modell", der "ideellen Widerspiegelung" im
menschlichen Bewußtsein. Zur Zeit vollzieht sich ein zivilisatorischer Prozeß, der
es erlaubt, diesen Zusammenhang auf neue Weise zu sehen: der Prozeß der
technischen Informationsverarbeitung ("informationelle Revolution").
Durch ihn wird der sogenannte Grundwiderspruch zwischen Materie und Idee
"aufgehoben", indem "Information" als "Grundeigenschaft"
aller "Felder" von "Systemen" erkannt wird. Die bisher dem
menschlichen Kopf vorbehaltene "Informationsverarbeitung" wird wie
zuvor die "Energieproduktion" technisch machbar.
Diese Voraussetzungen erlauben es, "Informationsmodelle" als
Entscheidungsgrundlagen für die Mehrzahl aller Menschen zu
"produzieren". Sie erlangen damit die Möglichkeit, über ihr
persönliches und soziales Verhalten mit ausreichender diagnostischer und
prognostischer Sachkenntnis unmittelbar und verantwortlich mitzuentscheiden.
Dies wird als Grundvoraussetzung für ein Fortbestehen der menschlichen
Zivilisation angesehen.
Die universellen Grundeigenschaften von Systemen und Prozessen werden zu
diagnostischen und prognostischen Informationsmodellen verdichtet. Sie bedürfen
der kollektiven Weiterbearbeitung.
Literatur
Capra, F.: Wendezeit. - dtv München 1991.
Ditfurth, H. v.: Innenansichten eines Artgenossen.
2. Aufl. - dtv
München 1992.
Gore, Al: Wege zum Gleichgewicht. - S. Fischer Verl.
Frankfurt a. M.
1992.
Maaz, H.-J.: Der Gefühlsstau. - Th. Knaur Nachf.
München 1992.
Postman, N.: Das Technopol. - S. Fischer Verl.
Frankfurt a. M. 1992.
E. Schlegel,
14.-17.2.93
Nachtrag 12.12.96:
Der Beitrag wurde Anfang 1993 mit der Absicht
geschrieben, theoretische Problemlösungen für den zweifachen
Transformationsprozeß in der ehemaligen DDR anzubieten. Hier bestand und
besteht das Problem, das ehemals verbreitete Weltbild des „dialektischen und
historischen Materialismus“ an neue historische Ereignisse und Erkenntnisse
anzupassen. Darüber hinaus besteht jedoch die Notwendigkeit, dieses Weltbild
mit dem „Formationswechsel“ in Einklang zu bringen, der sich im Übergang zur
„Informationsgesellschaft“ als ein globales
Problem äußert. Die angebotenen Erklärungsversuche gehen also über eine
nationale oder einzelwissenschaftliche Nabelschau hinaus. Sie sind ein
Zwischenergebnis, das der kollektiven „Laufendhaltung“ bedarf. Die Methoden
einer „beschleunigten kollektiven Laufendhaltung von Modellen“ und ihrer
Gebrauchswerterhöhung als Grundlage für kollektive Entscheidungen dürften eines
der Kernprobleme eines „nichtchaotischen Überganges“ zur
Informationsgesellschaft sein. Hier besteht offensichtlich ein hoher Bedarf
an koordiniertem Handeln.
Kurzvita: Der Autor ist 1925 geboren und hat sich seit der
Frühphase der „Computerrevolution“ in der Mitte der 60er Jahre mit einigen
theoretischen und praktischen Problemen der „technischen
Informationstransformation“
auseinandergesetzt. Die theoretische Zielsetzung bestand zunächst darin,
die der individuellen Informationsverarbeitung in einer Naturwissenschaft
(Geologie) zugrunde liegenden Regeln oder Gesetzmäßigkeiten zu ordnen und zu
„strukturieren“. Dabei wurden elementare Zusammenhänge zwischen
„Erkenntnisprozeß“ oder Informationsverarbeitung
und ihren „Produkten“ („Informationsmodellen“) sowie den durch Wissenschaften
zu modellierenden Gegenstandsbereichen „Natur“, Gesellschaft und Individuen
erkannt. Die Einsicht in diesen allgemeinen Zusammenhang wurde offenbar durch
die raum/zeitliche Extensionalität und Universalität des „Gegenstandes“ der
Geologie begünstigt („geologische Systeme“ als Körper-Feld-Einheiten mit z. T.
jahrmilliardenlanger Evolution). Sie erlaubte die Formulierung sehr allgemeiner
Kategoriensysteme, die auf alle uns bekannten systemischen (nichtchaotischen)
Ordnungszustände der Realwelt anwendbar sein dürften. Entsprechende
Überlegungen wurden inzwischen weitergeführt und schriftlich fixiert.
Veröffentlicht in:
Soft Society: Eine internationale Konferenz über die
kommende Informationsgesellschaft
28.10. - 3.11.96 in Berlin
Dokumentation, S. 52 - 64
Arbeitskreis Informationsgesellschaft der
Humboldt-Universität zu Berlin 1997