Wie erkennen/rekonstruieren wir aus der Zivilisationsgeschichte bisherige und zukünftige Ziele und Strategien der Globalgesellschaft?

         

              Die Gattung Homo ist seit einigen Jahrmillionen (metaphorisch gesprochen) „auf dem Wege“, auf einem „langen Marsch“ zu einem zeitlichen und „räumlich-körperlichen“ Ziel. War unsere mit der Jahreszahl 2007 bezeichnete „Gegenwartswelt“ das Ziel? Können wir Zeitgenossen den gegenwärtigen Zustand unserer Gesellschaft als Ziel, als Vollendung einer zugleich natürlichen und zivilisatorischen Evolution erkennen und akzeptieren? Wenn ja: Genügt das egozentrische Wirbewusstsein, um zu sagen: Das war es! Der lange Marsch hat sich gelohnt!?

        Oder kommen wir eher zu dem Schluss: Das kann es noch nicht gewesen sein! Es besteht kein Grund zur Selbstzufriedenheit! Es bleiben noch Wünsche offen. Das „Klassenziel“ ist noch nicht erreicht! Oder so: Die ersten Klassen sind mit Mühe geschafft – aber die Reifeprüfung steht uns noch bevor?

           Wann könnten wir auch sagen: Wir sind nicht nur vernunftbegabt, sondern auch wirklich VERNUNFTFÄHIG?

         Sind wir zu einer solchen beschreibenden und erklärenden Selbstdiagnose fähig? Nach welchem Maß bewerten wir uns? Wie ordnen wir das Chaos der Meinungen – nicht nur zu dieser Frage, sondern auch zu den vielen anderen Fragen, die im Laufe des Lebens von Milliarden Menschen in chaotischer Vielfalt ständig neu aufgeworfen oder wiederholt werden?

           Wir werden gestehen müssen, dass auch die Antworten auf das Chaos der Fragen chaotisch sind und vermutlich bleiben werden – wenn es uns nicht gelingt, bessere MITTEL und Methoden der Fragestellung und Problemlösung zu erarbeiten.

            Wir werden einsehen müssen, dass unsere Zivilisationsgeschichte in der Eliminierung vieler Defizite bestand, dass aber jedes praktisch gelöste Problem neue „theoretische“ Probleme aufwarf.

             Unsere Geschichte bestand in einer logischen Abfolge von Erfindungen immer neuer MITTEL oder Prothesen. Wir nutzten die uns umgebende Natur nicht nur, sondern veränderten, transformierten sie, gaben wahrgenommenen „Gestalten“ eine neue, für uns nützlichere Gestalt (Gefüge, Struktur, Form).

             Die Kombination von Kopf und Hand befähigte uns zum spielerischen oder mühevollen MACHEN von MITTELN, von Werkzeugen und „Schutzvorrichtungen“.  Mit ihnen konnten wir viele der Nachteile und Defizite, mit denen uns die natürliche Evolution ins Dasein entlassen hatte, überwinden. Wir vereinigten unsere natürlichen Anlagen als Homo ludens und Homo faber, den Spieler und den Macher, zum Zivilisationswesen Homo sapiens, einem widerspruchvollen und gespaltenen HYBRIDEN.  

            Von nun an wurde der biologisch-anatomische Anpassungsdruck geringer. Aber die zivilisatorische Evolution schritt fort von der Gefügetransformation über die Stofftransformation zur Energietransformation. Zur Zeit befinden wir uns in der Transitionsphase zur Informationstransformation.

                 Damit ist unsere Systemganzheit von Individuen und Kollektiven erfasst – aber noch nicht vollendet. Der Übergang zur technikgestützten Informationstransformation hat erst begonnen und bedient eher die Bedürfnisse des Homo ludens als die des Homo sapiens.  

             Unsere „geistige Prägung“ basiert i. w. auf den Erfahrungen (und „Werten“) der bisherigen drei evolutionären „Formationen“.                                    

             Die „evolutionären Grundwerte“ der nebenstehenden Abbildung decken sich nicht mit den willkürlich definierten Grundwerten der Französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit), die bis heute das Bewusstsein der „energiezeitlichen Gesellschaft“ bestimmen. Aber sie entsprechen offenbar den Realitäten eines „Mehrschichtsystems“, als das die irdische Biosphäre im allgemeinen und die Anthroposphäre zu „modellieren“ ist.                                                                                                                                                                                                                                        

         Diese „informationelle Modellierung“ scheint als anschauliche Methode der Informationstransformation hinreichend nützlich und verständlich zu sein.

            

              Es ist also die Annahme gerechtfertigt, dass die relativ unbewusst in Angriff genommene zivilisatorische Evolution nun als eine gesetzmäßige Abfolge erkannt und akzeptiert werden kann. Die praktische Folgerung daraus wäre, dass der weitere Verlauf dieser Evolution nunmehr mit größerer Sicherheit prognostiziert und realisiert werden kann.

            Wenn das Ziel eine durch die Technologie der extrasomatischen Informationstransformation charakterisierte Gesellschaft mit den Werten Vernunft, Entscheidungsfähigkeit sein wird, dann verlieren alle anderen gegenwärtig in Reformen angestrebten „Ziele“ an Bedeutung. Theoretisch sind sie durch die bisher erreichten Möglichkeiten alle realisierbar. Woran es mangelt, ist jedoch die nötige Entscheidungsfähigkeit, die i. w. auf einer naturhaft gebliebenen individuellen und kollektiven Informationsverarbeitung basiert. Der Veränderungsbedarf der Gesellschaft besteht nicht in ihren vielen widersprüchlichen (räumlichen) FACETTEN, sondern in der nächsten (zeitlichen) Phase unseres Entwicklungs-PROZESSES! Unsere zeitgenössischen Probleme – meist unter dem Stichwort „Globalisierung“ zusammengefasst – sind nicht in erster Linie Krankheitssymptome, sondern Ausdruck von GEBURTSWEHEN einer neuen Ära. Die „Therapie“ bestünde in „Geburtshilfe“!

          Der natürliche Verstand – selbst der „höchstgebildeten“ geistigen Eliten – reicht nicht aus, um mit dem Chaos der gegenwärtig verfügbaren „Information“ fertig zu werden. Wahre und unwahre beschreibende, richtige und falsche erklärende, wahrscheinliche und unwahrscheinliche prognostische Aussagen sind gewöhnlich nicht unterscheidbar. Alle wesentlichen Entscheidungen, auch die der „Experten“, sind Glücksspiel, eher utopisch als „wissenschaftlich“.

            Wir können davon ausgehen, dass in den sog. „Wissenschaften“ ein gründlicher Wandel der „Produktionsweise“ erfolgen muss. Das betrifft sowohl die Organisation der Arbeit in speziellen gesellschaftlichen Teilsystemen als auch Form und Inhalt der Produkte.

            Dazu müssen sich die Wissenschaft Betreibenden einer eingehenden Selbstdiagnose unterziehen, die die gegenwärtig betriebene Informationsverarbeitung durch langzeittrainierte Experten als ein historisches Relikt identifiziert, das dem gesamtgesellschaftlichen „technikgestützten“ Ordnungssystem nicht mehr entspricht.

         Der Hauptgrund ist das Fortleben eines i. w. mittelalterlichen bis frühkapitalistischen (bereits in der mediterranen Antike geprägten „stoffzeitlichen“) „Bildungswesens“ (Schulen aller Art). Sprache und Schrift als relativ frühe zivilisatorische Errungenschaften wurden den Schülern aller Altersklassen gewissermaßen „eingepaukt“ oder angedrillt (Reflexe), soweit die Grenzen des natürlichen Informationsverarbeitungssystems von Lehrenden und Lernenden das zuließen. „Körperliche“ und „geistige“ Erziehung beruhten im wesentlichen auf langer Übung. Die Formel LLL ist eine Notlösung, die der Empfehlung zum lebenslangen Joggen gleichkommt.

          Während mit der „Energiezeit“ die Notwendigkeit der natürlichen körperlichen „Arbeit“ (Energietransformation) dank der Hilfe von Maschinen wesentlich vermindert oder spezialisiert werden konnte, war das bei „geistiger Arbeit“ nicht möglich. Leistungssteigerung konnte hier nur durch enge Spezialisierung erzielt werden – was zu einer Zunahme des gesamtgesellschaftlichen Chaos führte.

           Die Tendenz zur (energiezeitlichen) „Leistungssteigerung“ führte und führt zum Gebrauch leistungsfördernder stoffzeitlicher MITTEL, also „Dopingmittel“ – nicht nur unter Sportlern, sondern auch unter „geistigen Eliten“.

           Darüber hinaus führt die natürliche Begabung auch zu zivilisationsgesellschaftlichen Privilegien, zur Berechtigung zu „spielerischen Freiheiten“ bei Vorhandensein „naturbedingter Werte“ (s. obige Tabelle!). Intellektuelle Begabung berechtigt zu jahrzehntelanger Befreiung von „wertschöpfender Arbeit“ und „Doping“ mit stoffzeitlichen MITTELN, z. B. Geld in Form von Stipendien.

          Eine Gesellschaft, die „Gerechtigkeit“ als einen von 3 „Grundwerten“ bezeichnet, kann kaum ethisch-moralische Gründe für ein solches Verhalten geltend machen.

          Besondere natürliche Begabung ist kein Freibrief, sondern eher eine Verpflichtung. Aber die gesellschaftliche Differenzierung infolge einer zivilisationsgesellschaftlichen „Hybridisierung“ ist schwer zu kontrollieren und zu steuern, also zu therapieren.

           Jede historische Gesellschaftsformation trieb einen gewissen Kult mit den natürlichen Werten (und Unwerten), mit Privilegierten und Unterprivilegierten. In der jüngeren Geschichte versuchte man in Deutschland die Privilegierung des „arischen Blutes“. Heute spielt die natürliche intellektuelle Begabung eine besondere Rolle. In der „Kulturszene“ zählt noch immer natürliche „Schönheit“ und bei „Sport und Spiel“ die natürliche Körperkraft oder Gewandtheit.

            Der „zivilisatorische Wert“ realisiert sich dagegen in der Wirtschaft und vor allem auf dem Markt.

          Wir haben unsere Probleme mit dieser zwiespältigen hybriden „Welt“ oder Gesellschaft. Aber sie scheinen uns noch immer nicht hinreichend historisch erklärbar zu sein.

          Eine Lösung scheint – hoffentlich – in Aussicht durch die mittelbedingte Vergesellschaftung der Informationsverarbeitung. Doch das setzt einen revolutionären Wandel des Selbstbildes der geistigen Eliten, der „Expertenkulturen“ voraus. Die „Lichtgestalten“ der Vergangenheit waren einmal. Heiligenscheine wirken bei Lebenden eher lächerlich. Jedes Skandalblättchen kann ihre Träger vom Sockel stürzen.

         Wir erleben täglich das in jedem Falle vielstimmige und quasichaotische informationelle Palaver, zum Teil durch Medien verstärkt, vor allem aber in längeren oder kürzeren Rhythmen an- und abschwellend. Aber es bleibt eine Kakophonie. Es wird keine Melodie daraus, die die Menschheit mitsingt oder gar in einen allgemeinen Aufbruch geraten lässt.

          Es gibt keine „Theorie, die zur materiellen Gewalt wird, indem sie die Massen ergreift“ – wie Ältere unter uns es einmal gelernt haben. Dieser „gewaltsame Umschlag“ gehörte zum Glaubensinventar der „Energiezeit“. In der Inkubationsphase der „Informationszeit“  scheint ein anderes „Gesetz“ zu wirken. Auch der Flügelschlag eines Schmetterlings, der nach Meinung mancher Leute ein Weltbeben auslösen könnte, basiert auf ähnlichen energetischen Vorstellungen. Die Gesetzmäßigkeiten des systemischen Feldphänomens „Information“ scheinen noch nicht ausreichend diagnostiziert zu sein und es können folglich auch noch keine hochwahrscheinlichen Prognosen abgeleitet werden.

       In einem universellen Prozess Informieren - Entscheiden - Handeln  können so auch noch keine wirksamen Entscheidungen getroffen werden. Alle großartigen „globalen Entscheidungen“ stehen auf wackeligen Füßen, führen nicht zu heilsamen Therapien, sondern bestenfalls zu Quacksalberei, zum „Herumdoktern“.

         Wir blockieren das Gehirnschmalz der Jungen, indem wir sie bis zum Überdruss unzulängliche Vokabeln für ihr Leben bimsen lassen und wir vergeuden die Altersweisheit, indem wir ihre Träger in die Rente schicken. Die Gesellschaft ist falsch organisiert, solange sie es nicht versteht, eine relativ gleichwertige Lebensganzheit von 4 „Transformationen“ herzustellen: Gefüge-Stoff-Energie-Information.  

          

 ES Juni 07