Was ist?  Was war? Was wird sein?

 

Gesellschaftsdiagnose und -prognose

 

Skizzen für ein "Informationsmodell"

 

1. Der Gegenstand "Gesellschaft" und sein "Modell"

 

1.1 Die Gesellschaft

 

                  Mit "Gesellschaft" sei zunächst die Gesamtheit der gegenwärtigen (menschlichen) Erdbevölkerung bezeichnet. Die Beschränkung auf die Gegenwart ist nötig, um von einem beobachtbaren "Istzustand" ausgehen zu können, wahre Aussagen (Protokollaussagen) darüber machen zu können und diese von anderen Aussagen (Interpretationen, Prognosen, Behauptungen, Meinungen usw.) abgrenzen zu können.

                  "Gesellschaft" wird als ein System verstanden, d. h., als eine "Körper-Feld-Einheit". Dieser räumliche Aspekt besitzt (zumindest methodisch) einen gewissen Vorrang vor dem zeitlichen, denn Beobachtungen an einem Objekt sind primär Ereignisse mit definiertem ZeitPUNKT. Allerdings mangelt es der Gesellschaft an dreidimensionaler Körperlichkeit. Es sind "informationelle Transformationen" nötig, um eine gewisse Körperlichkeit zu "erzeugen". So kann "Gesellschaft" als "Körperschaft" definiert (beschrieben) oder graphisch dargestellt werden. Eine gängige Methode ist die Behandlung als "statistische Population". Vielleicht ist es deshalb sinnvoll, Systeme ähnlicher Art als "statistische Systeme" zu bezeichnen.

                   Als "Körper" ist Gesellschaft gegen andere "Körper" abgrenzbar. Als Körper-Feld-Einheit "überlappen" sich jedoch die Grenzen zu anderen Systemen. Die Abgrenzung ist folglich relativ. Abgrenzungen sind nötig gegen andere, benachbarte "Gesellschaften" annähernd gleicher Größenordnung, etwa tierische, pflanzliche, mineralische.

                    Alle genannten Systeme sind "Grenzflächenerscheinungen" der Erdoberfläche. Sie sind also nicht wie "normale" Körper annähernd dreiachsig isometrisch, sondern flächenhaft ausgedehnt, "schichtförmig" bei fast fehlender Vertikaldimension. Da die Erde annähernd kugelförmig ist, bilden diese "Schichten" Kugelschalen oder Sphären. Schichtenbau und Rotationssymmetrie sind zweifellos auch für die Gesellschaft von gewisser Bedeutung, spielen jedoch bei der Modellierung bisher kaum eine Rolle.

                      Die menschliche Gesamtgesellschaft ist in Teilsysteme unterschiedlichster Art gegliedert. Die Gliederungsprinzipien sind vielfältig, vor allem "typologisch", d. h., von Unterscheidungsmerkmalen ("Leitmerkmalen", Erkennungszeichen) ausgehend, die die Ausscheidung von "Homogenbereichen" niederer Größenordnung ermöglichen. Diese Methode führt zu willkürlichen und gewöhnlich nicht ausreichend begründbaren "Gesellschaftsklassen" oder –typen, die schwer gegeneinander abgrenzbar sind. Das Elementarsystem ist das menschliche Individuum.

                    Selbstverständlich ist "Gesellschaft" ein in der Zeit existierendes System, dessen Eigenschaften (Merkmale und Merkmalswerte) sich teils ändern, teils bewahrt werden. Eine Beobachtung gesellschaftlicher Prozesse (Ereignisfolgen) ist gewöhnlich nur an räumlich begrenzten Teilsystemen und an zeitlich begrenzten Teilprozessen möglich.

                    Gesamtgesellschaftliche Prozesse müssen deshalb durch logisches Schließen konstruiert bzw. rekonstruiert werden (z. B. als Entwicklungsgeschichte oder "Globalmodell").

 

 

1.2  Das Gesellschaftsmodell

 

            Diese Bezeichnung gelte für alle "Aussagen", Abbildungen usw., d. h. für alle durch informationelle Transformationen (vor allem unter Einschaltung des menschlichen Gehirns) erzeugten "Geistesprodukte", die als individuelle "Erkenntnisprodukte" oder als Produkte menschlicher Arbeit (oder spielerisch-künstlerischer Tätigkeit) über das Objekt "Gesellschaft" gemacht wurden und werden.

           Es ist zu unterscheiden zwischen dem individuellen, im Kopf gespeicherten "inneren Modell" und dem "externen Modell", das in Form von Zeichen fixiert ist und "überindividuell", also kollektiv, "gesellschaftlich", genutzt werden kann.

           Man kann davon ausgehen, daß gegenwärtig eine chaotische Vielfalt von Aussagen über das Objekt "Gesellschaft" existiert, die sich nur schwer oder gar nicht zu einem strukturierten (externen) Gesamtmodell verdichten lassen. Die Formel vom "globalen Denken und Handeln" einer als bewußt handelndes (kollektives) System verstandenen menschlichen Gesellschaft bleibt deshalb zunächst eine Utopie.

           Wegen des Fehlens eines entscheidungsfördernden externen Modells bleibt die Gesellschaft generell in einem Zustand, der bereits vormenschlich erreicht worden war, d. h. in dem der Selbstregulierung, der (weitgehend intuitiv, "gefühlsmäßig", gesteuerten) Konkurrenz oder Kooperation gerade noch "beherrschbarer" Teilsysteme.

            Wie es nötig ist, den Gegenstand "menschliche Gesellschaft" gegen andere Gesellschaften abzugrenzen, so ist auch eine Abgrenzung verschiedener Arten (oder Klassen) von Modellen gegeneinander nötig.

            Die Bezeichnung "Informationsmodell" besagt, daß es sich um ein Modell handelt, das primär mit Mitteln der (natürlichen und/oder technischen) Informationsverarbeitung und zum Zweck der Information "produziert" wurde. Sein "Gebrauchswert" besteht vornehmlich darin, bewußte, rationale Entscheidungen zu ermöglichen.

           Andere Modelle können z. B. der Befriedigung irgendwelcher "Gefühle" oder Emotionen dienen, also einer evolutionär älteren Stufe der "Informationsverarbeitung". Die "Kunst" produziert vielfältige Modelle, die derartige Bedürfnisse befriedigen. "Künstlerische Produktion" (Gestaltung!) bildete sich auf einer frühen zivilisatorischen Entwicklungsstufe heraus (in der "Gefügezeit" oder Steinzeit) und wird seither mit etwa gleichbleibender Zielsetzung und Methodik tradiert. 

         Hier muß vielleicht eine Einschränkung gemacht werden. Mit dem Phasensprung zwischen "Stoffzeit" (europäische Antike bis Mittelalter) und "Energiezeit" erfolgte auch hier ein gewisser Wandel. Es wurden Mittel und Methoden zur "künstlerischen Massenproduktion" entwickelt. Die "Ausstrahlungskraft" der Kunst verstärkte sich enorm. Die Rückkopplung zwischen "Produzenten" und "Konsumenten" erfolgte nicht mehr auf annähernd "gleicher Ebene" (äquivalente Wechselwirkung), sondern wurde "kommerzialisiert" bzw. "ökonomisiert". Kunst wurde käuflich. Es wurden neue Äquivalenzbeziehungen nötig.

        Ähnliches gilt für die "wissenschaftliche Produktion". Jedoch sind hier die Ware/Geld-Beziehungen noch komplizierter und entsprechend willkürlicher.

 

2. Zur "Isomorphie" von Sachverhalt (Gegenstand) und Modell

 

            Zwischen Sachverhalt und Modell bestehen Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Sie waren und sind ein wesentlicher Grund philosophischer und "alltagspraktischer" Probleme und Konflikte.

            "Sachverhalte" sind in der Regel räumlich und zeitlich "dimensioniert". In "Sprache" oder Zeichen transformierte Modelle sind dagegen stets auf wenige "Dimensionen" reduziert. Sprache ist ihrem Wesen nach eindimensional, prozeßhaft. Schrift ist auf einen zweidimensionalen Träger transformierte (eindimensionale) Sprache. Graphische (ikonische) Modelle verzichten auf die eindimensionale Zwischenstufe der Sprache und können die Eigenschaft Struktur (Gestalt, Form von Körpern) getreuer widerspiegeln. Noch besser gelingt das mit Hilfe dreidimensionaler Modelle (Plastiken). In beiden Fällen wird gewöhnlich die Struktureigenschaft Größe variiert (Maßstab). Bei allen genannten Modellen unterscheidet sich aber der Stoffbestand von Körper und Modell. Es besteht lediglich "strukturelle Homomorphie". Dies entspricht den Möglichkeiten der ersten und ältesten Stufe der zivilisatorischen Entwicklung ("Gefügezeit").

           Noch größere Probleme bestehen hinsichtlich des Phänomens Feld, das substanzlos und gestaltlos und damit "unanschaulich" ist. Die Physik, die Philosophie und der Alltagsverstand (Terminologie) werden mit diesem Phänomen bis heute nicht befriedigend fertig. Es wurde erst im Spätmittelalter einigermaßen bewußt wahrgenommen. Noch immer ist es aber Gegenstand mystischer Modellierungsversuche (Seele, Geist, Gott usw.).

           Diese Stufe der "Modellierung" wurde zweifellos schon bei höheren Tieren erreicht und läuft in unserem "Unterbewußtsein" weiterhin "intuitiv" ab. Die "Produkte" dieser künstlerischen "Urmodellierung" sind Phantasie- und Traumgestalten (-gebilde!). Es wird nicht die wahrnehmbare "Wirklichkeit" modelliert (nach außen projiziert), sondern die vorstellbare Möglichkeit, das „innere Modell“ des „schöpferisch denkenden Menschen“. Aber für beides stehen uns nur ein und dieselben Mittel zur Verfügung. Wahre und unwahre, richtige und falsche Aussagen über das Objekt Gesellschaft sind der Form nach nicht unterscheidbar. Man muß damit rechnen, daß in allen Modellen Möglichkeit und selbst Unmöglichkeit "abgebildet" ist, nicht nur Wirklichkeit.

             Die Frage nach einer "Isomorphie" von Gegenstand und Modell kann nur befriedigend beantwortet werden, wenn ein System von Merkmalen definiert ist, das sowohl auf "reale Gegenstände" (Systeme und Prozesse) als auch auf "Informationsmodelle" anwendbar ist. Lösungsansätze sind vorhanden.

            Besondere Schwierigkeiten ergeben sich dadurch, daß sich die "Produzenten" von Modellen mehr und mehr mit dem "Recycling" bereits vorhandener Modelle beschäftigen. Dabei geht ein direkter Bezug zwischen ursprünglichem Gegenstand und Modell oft weitgehend verloren (Verfremdung). Es werden nicht mehr "Primärdaten" über einen Gegenstand gewonnen und verarbeitet, sondern "Sekundärdaten", Aussagen über ihn. Es wird "Aussagenfetischismus" betrieben, nicht Wissenschaft. Natürlich sind Aussagenanalysen  (und -synthesen) nötig und wichtig. Aber sie müssen als solche kenntlich sein.

 

3. Zur Frage des Standpunktes und der Perspektive

 

            Vielfach wird die Möglichkeit bestritten, Sachverhalte angemessen zu modellieren. Unser "Wissen" von der "Welt" sei "subjektiv gefärbt" (der "Dialektische Materialismus" teilte diesen "Agnostizismus" nicht). In der Tat erfordern die uns geläufigen Modellierungsmethoden einen "Beobachtungsstandpunkt" außerhalb des beobachteten Objektes, eine Gegenüberstellung von Objekt und beobachtendem Subjekt. So galt es als unumgänglich, gesellschaftliche Modelle von einem Klassen- oder Parteienstandpunkt aus zu betrachten.

            Es ist jedoch möglich, diesen Sachverhalt der Subjekt/Objekt-Dialektik zu berücksichtigen und die Modellierungsmethoden zu objektivieren. Voraussetzung ist eine präzisere Klassifizierung der über ein Objekt zu treffenden Aussagen.  Allein durch das Wertepaar wahr/falsch ist das nicht möglich.

          Modelle sind erst dann als "wissenschaftlich" zu bezeichnen, wenn diagnostische und prognostische Aussagen unterschieden werden können. Die diagnostischen Aussagen sind außerdem in beschreibende und erklärende Aussagen zu trennen.

          Beschreibende oder "Protokollaussagen" gründen auf wiederholbaren Beobachtungen, bei denen die vorgenommenen informationellen Transformationen "verifizierbar" sind. Sie können als wahr oder unwahr bewertet werden.

          Erklärende Aussagen werden durch logische Operationen an diesen Beobachtungsbefunden möglich. Sie dienen der Ableitung von Verallgemeinerungen, Gesetzmäßigkeiten, Trends, Kausalzusammenhängen usw. Erklärende Aussagen können richtig oder falsch sein. Sie beantworten in der Regel die Frage Warum?

           Prognostische Aussagen werden vor allem auf der Grundlage von derartigen Interpretationen möglich. Für sie gilt offenbar grundsätzlich das Attribut der Wahrscheinlichkeit ("Verifizierung" durch nachfolgende "Praxis").

           Die Prognosen können natürliche, von Menschen nicht beeinflußte Verläufe und die willkürliche menschliche Einflußnahme auf das Objekt berücksichtigen (Ziele und Strategien).

            Die Erarbeitung eines "globalen Gesellschaftsmodells" erfordert sowohl das Abgehen von einem zu eng verstandenen (Klassen-, Parteien-, Gruppen-) "Standpunkt" als auch die Objektivierung der Aussagenkomplexe.

Es geht nicht um "Meinungsäußerungen" oder die Aneinanderreihung von Behauptungen und Wunschvorstellungen.

            In dem Gesellschaftsmodell des "Dialektischen und Historischen Materialismus" waren diese Bedingungen nicht ausreichend erfüllt. Die marxistische Gesellschaftstheorie war demzufolge in wesentlichen Punkten nicht "praktikabel".

            Die Aufgabe der Gesellschaftsmodellierung überschreitet die Möglichkeiten der bisherigen "individuellen Wissensproduktion" und selbst die der als Teamwork bekannten "einfachen Kooperation". Sie ist vermutlich nur mit neuen Mitteln und Methoden der technisierten "Informationsverarbeitung" zu meistern.

 

4. Die gesellschaftliche Aufgabe

 

             Die gegenwärtig im Umlauf befindlichen Aussagen über Zustand, bisherige Entwicklung und mögliche Zukunft der Gesamtgesellschaft befinden sich sowohl quantitativ als auch qualitativ in einem quasichaotischen Zustand, der dem der "modernen" oder "postmodernen" Gesellschaft etwa adäquat ist. Das hat dazu geführt, daß sich die Anzeichen einer globalen Existenzkrise nicht nur konkret, sondern auch im Bewußtsein (im inneren Modell) der Menschen vermehren. Die Entwicklung eines "externen", im kollektiven Bewußtsein der Gesellschaft präsenten und praktisch wirkenden Modells macht dagegen kaum Fortschritte. Nahezu alles, was zu diesem Thema gesagt wird, ist Ausdruck individueller "Meinung" und wird nicht global wirksam. Eines der tragischsten Beispiele ist das des "globalen Denkers" Gorbatschow, der über den Status eines gescheiterten "Zauberlehrlings" bisher nicht hinausgekommen scheint, ein Status, der natürlich allen Menschen eigen ist.

             Unter den zeitgenössischen Aussagen zum Objekt "Gesellschaft" stechen besonders diejenigen über eine "Existenzkrise" hervor. Derart apokalyptische Prognosen sind seit dem Beginn schriftlicher Überlieferung bekannt. Sie enthalten stets Elemente, die für einen Teil der Gesellschaft bedrohlich, für einen anderen verheißungsvoll sind (z. B. die Apokalypse des Johannes). Auch das "Kommunistische Manifest" enthielt diese beiden Komponenten (Bedrohung für die Bourgeoisie, Verheißung für das Proletariat).

            Diese Art der vorwissenschaftlichen Prognostik reicht mit Sicherheit nicht mehr aus. Aber die dialektische Grundstruktur der Apokalypse kommt möglicherweise der Realität näher als die Utopie.

            In der gegebenen Situation kommt es offensichtlich darauf an, den Zustand der weitestgehend spontanen Selbstregulierung, die Gläubigkeit in die "Selbstheilungskräfte" der kapitalistischen Marktwirtschaft zu untersuchen und zu überwinden. Die Modellierung des Sachverhalts "Gesellschaftsentwicklung" zeigt, daß sich gegenwärtig ein Übergang von einer durch extrasomatische (technische) Energietransformation  dominierten Phase in eine neue gesellschaftliche Qualität vollzieht. Sie könnte mit den Wörtern "extrasomatische Informationstransformation" bezeichnet werden.

             Dieser Übergang (Phasensprung) in eine neue, "höhere" Schicht der gesamtgesellschaftlichen Zivilisation vollzieht sich weitgehend ohne ausreichendes gesellschaftliches Bewußtsein, unter Weiterverfolgung der in den letzten Jahrhunderten ausgebildeten gesellschaftlichen Reflexe. Diese können mit den Wörtern "Kraftgläubigkeit", "Kampf ums Dasein", Marktwirtschaft, Demokratie usw. beschrieben werden.

             Die oben erwähnte "Existenzkrise" - nicht nur der Bourgeoisie, des "Abendlandes", des Kapitalismus, sondern der Gesamtgesellschaft - erfordert neue Ziele und Strategien, die von den Möglichkeiten der zukünftigen Entwicklung ausgehend auf die Gegenwart zurückprojiziert werden müssen. Die bewußten und dadurch steuerbaren gesellschaftlichen Aktivitäten müssen auf ein gemeinsames, gesamtgesellschaftliches Ziel gerichtet werden.

              Dabei besteht die strategische Hauptmethode offensichtlich darin, die Priorität des "Energiedenkens" durch ein "Vernunftdenken" zu ergänzen und dadurch die beiden komplementären Feldeigenschaften Energie und Information in ein dynamisches Gleichgewicht zu bringen.

              Offenbar kann dieser Zustand nicht mehr durch Tradierung der energiezeitlichen Asymmetrien, vor allem nicht durch die Asymmetrie zwischen machtausübenden, d. h. Entscheidungen treffenden Eliten und machtlosen "Massen" erreicht werden. Die "extrasomatische Informationsproduktion" könnte in naher Zukunft die Bereitstellung von Informationen als gesamtgesellschaftlichen Entscheidungsgrundlagen ermöglichen. Das würde bedeuten, daß ein gemeinsames Entscheiden über individuelle und gesamtgesellschaftliche Verhaltensweisen möglich wäre, ohne die ein (noch zu definierendes) gesamtgesellschaftliches Ziel nicht erreichbar wäre. Die gegenwärtige parlamentarische Demokratie ist nur eine Vorstufe zu diesem Ziel. Bekanntlich beruht sie auf dem Prinzip der freiwilligen Mandatsvergabe, d. h. der Entscheidungs- und Verantwortungsdelegierung an sog. politische Eliten. Die Selbstentmündigung der "Massen" zieht als Kettenreaktion weitere Menschenunwürdigkeiten und gesellschaftliche Asymmetrien nach sich.

            Am Beginn des Gesellschaftsmodells "Demokratie" stand die vertikale gesellschaftliche Differenzierung in "Herren" und "Sklaven". Wir (verstanden als Weltbevölkerung) beginnen zu erkennen, daß sich diese vertikale Differenzierung besonders seit der industriezeitlichen europäischen Expansion auf untragbare Weise verschärft hat.

             Alle gesamtgesellschaftliche Vernunft ist deshalb darauf zu richten, die Differenzierung durch Integration in ein dynamisches Gleichgewicht zu bringen. Diese Integration kann - den Möglichkeiten des MENSCHSEINS entsprechend - nur auf der Ebene "Information", Bewußtsein, beginnen. Die Grundlage gesamtgesellschaftlicher Handlungen ist ein Gesellschaftsmodell, das gemeinsame Entscheidungen und gemeinsames Handeln ermöglicht. Es muß selbstverständlich auch "Freiraum" für jedes Individuum bieten, natürlich auch für eine "dynamische Laufendhaltung des Modells".

            Die Praxis der "exrasomatischen Informationsproduktion" setzt die Weiterentwicklung der vorhandenen Hard- und Software voraus. Beide müssen die weitere globale Vernetzung der Kommunikationskanäle ermöglichen, die bisher bestehende Asymmetrie von informationeller (medialer) "Ausstrahlung" und "Rückkopplung" zwischen wenigen "Sendern" und vielen "Empfängern" beseitigen. Folglich müssen vor allem Mittel und Methoden zur Wirksammachung des "informationellen Potentials der Massen" entwickelt werden, um deren Beteiligung an Entscheidung und Verantwortung zu ermöglichen. Das gesamtgesellschaftliche extrasomatische Modell muß Ergebnis der informationellen Gesamttätigkeit der Gesellschaft sein. Es muß aus den "inneren Modellen" aller (vieler) Individuen "integriert" werden.

 

Ernst Schlegel

(11/94)