Was ist „Geschichte“?   Was ist „Zivilisationsgeschichte“?

 

        Die Bezeichnung „Geschichte“ hat eine doppelte Bedeutung. Sie bezeichnet einerseits den objektiv existierenden SACHVERHALT, dass bestimmte räumliche Objekte oder „Systeme“ außer im RAUME auch in der ZEIT existieren, also bestimmte prozessuale „Verhaltensweisen“ erkennen lassen. Andererseits werden die menschengemachten AUSSAGEN, „Erkenntnisse“, „Modelle“ usw. über diese Prozesse (Ereignisfolgen) faktisch gleichlautend als „Geschichten“ über „Geschichte“ bezeichnet.

            Die Qualifizierung dieser Geschichten als „Wissenschaft“ führt zu keiner Lösung, solange nicht die Mehrfachbedeutung von „Wissenschaft“ bewusster ist als bisher. Es gehört zu unseren Stärken und Schwächen, dass wir Schwierigkeiten haben, die in unserem Gehirn ablaufenden informationellen Transformationen als „Spiel“ oder als „Arbeit“ zu betreiben oder zu verstehen und die Relation zwischen beiden Tendenzen zu optimieren.

          In unserer expertenkulturell differenzierten Gesellschaft ist die „Modellierung von Geschichte“ Aufgabe bestimmter schwach strukturierter Wissen produzierender Teilsysteme, der „Historischen Wissenschaften“. Sie beschäftigen sich besonders mit der historischen Modellierung gesellschaftlicher Systeme von der Größenordnung „Individuum“ bis zur Größenordnung „Globalgesellschaft“ und der von ihnen hinterlassenen Spuren, Artefakte, „Dokumente“ usw. Ihre Arbeits- oder Produktionsweise ist nur ansatzweise Gegenstand einer wissenschaftlich zu nennenden Selbst- oder Fremddiagnostik. 

         Über die Menschengesellschaft hinaus sind auch andere Natursysteme und ihre Verhaltensweisen in der Vergangenheit Gegenstand der historischen Forschung, etwa nichtmenschliche Lebewesen der irdischen Biosphäre, Elemente anderer Sphären der Erde (Litho-, Hydro-, Atmosphäre), das Universum, die nichtlebenden PRODUKTE, Artefakte und Spuren menschlicher Tätigkeit in der Anthroposphäre. 

 

        Die Geschichte ist also nach räumlich-systemischen und zeitlichen Unterschieden oder Merkmalen typisierbar. Dabei ist der Typisierungsprozess selbst eher ein relativ „freies Spiel mit Möglichkeiten“ der Grenzziehung und der Formulierung von Benennungen und Aussagen als eine „exakte Wissenschaft“. Es sind keine Regeln festgelegt, die etwas erlauben und/oder verbieten. Entsprechend differenziert und subjektiv, „facettenreich“ sind die Ergebnisse dieser Gedanken- und Sprachspiele (auch wenn sie nicht so bezeichnet werden).

         Die Bezeichnung „Zivilisationsgeschichte“ wende ich auf Prozesse, Verhaltensweisen eines Systems „Zivilisationsgesellschaft“ an, also auf eine biologische Gattung oder Spezies, die einen von anderen lebenden Systemen abweichenden evolutionären Sonderweg einschlug. Im Gegensatz zu „reinen Natursystemen“ ist die „Menschengesellschaft“ ein „Hybridsystem“ mit „natürlicher Wurzel“ und „aufgepfropfter Zivilisation“, dessen Selbstbezeichnung Homo sapiens nur eingeschränkt gerechtfertigt ist. Die dialektische Relation zwischen Vernunftbegabung und Vernunftfähigkeit bleibt unbeachtet.

         Das Besondere des menschengesellschaftlichen Weges bestand darin, dass es der biologischen Gattung Homo gelang, die allen Lebewesen eigene RELATION von natürlichen NACHTEILEN und VORTEILEN durch das MACHEN von extrasomatischen MITTELN in vieler Hinsicht „vorteilverschaffend“ für sich zu verändern. Dass dabei nicht nur alte Defizite eliminiert, sondern auch neue Nachteile produziert wurden, entspricht den Regeln der Dialektik.

         Besonders Homo sapiens war es dadurch möglich, sich auf nicht vorwiegend natürliche, sondern bevorzugt auf zivilisatorische Weise weiterzuentwickeln. Dieser Prozess ist m. W. bisher nicht hinreichend informationell modelliert. Es fehlt uns ein „Maßsystem“, mit dem wir den „Entwicklungsgrad“ unserer „Zivilisiertheit“ verständlich und überzeugend bestimmen können. Das wäre deshalb nötig, weil auch andere Lebewesen räumlich definierbare Systeme bilden und dabei ihre „Umwelt“ strukturell verändern, etwa durch Nestbauten. Es ist aber kein deutlicher Trend diagnostizierbar, der zu einer befriedigenden Erklärung (know why) der Gemeinsamkeiten und Unterschiede führt und halbwegs zuverlässige Prognosen über unsere zukünftige Entwicklung ermöglichen könnte.

          Es ist meine Absicht, diese Lücke so gut es geht schließen zu helfen, zumindest aber auf sie hinzuweisen. Meine Bemühungen darum gehen rund 4 Jahrzehnte weit zurück. Damals standen sie im Widerspruch zu gewissen (parteipolitischen) Dogmen, die nicht straflos angegriffen werden durften.

          Spätere veröffentlichte Überlegungen konnten sich im „endlosen Geblöke der Wörter“ nicht durchsetzen. Auch heute ist Skepsis angebracht. Transitionsphasen wie die gegenwärtige überfordern unser naturgewachsenes Informationsverarbeitungssystem. Seine Defizite werden sich nicht leichter eliminieren lassen als die anderer menschlicher Teilsysteme oder Merkmale in der Vergangenheit. Im Gegenteil: Die Position der sog. geistigen Eliten scheint durch die bisherigen Erfolge so gefestigt, dass eine Einsicht in die nunmehr herangereiften Schwierigkeiten recht unwahrscheinlich ist.

          Die gesamtgesellschaftliche Situation ist in anderer Weise PREKÄR als wir es allgemein annehmen: Die FÜHRUNGS- und MACHTELITEN werden der ihnen zugewachsenen und durch sie angeeigneten Rolle nicht mehr gerecht! Sie sind das eigentliche PREKARIAT, das in gewohnter Weise nicht mehr weiterfunktionieren kann, wenn nicht die Gesamtgesellschaft akut gefährdet werden soll. Die Defizite werden immer deutlicher – und gefährlicher. Aber weder unsere System- noch unsere Prozessmodelle reichen vorerst aus, den Istzustand in seiner Dynamik überzeugend zu ERKLÄREN. So ist schwer zu prognostizieren, durch wen und mit welchen MITTELN die herangereiften Probleme gelöst werden können oder müssen.

          Entscheidend ist der (gewöhnlich als revolutionär bezeichnete) Übergang von einer historischen „Gesellschaftsformation“ in eine andere. Alte Systemmerkmale werden uneffizient und neue bedürfen der „Geburtshilfe“.

          Dieser Wechsel ist seit etwa einem halben Jahrhundert mehr oder weniger deutlich/undeutlich erkennbar. Aber er ist nicht widerspruchsfrei in unsere alten Menschen-, Gesellschafts- und Weltbilder (Modelle) einzuordnen – und die Wahl zwischen „Geburtshilfe“ und/oder „Abtreibung“ fällt schwer. Die Probleme der Individuen potenzieren sich mit ihrer wachsenden Menge.

           Ich hatte 1968 die Prognose gewagt, dass das nur durch neue MITTEL und Methoden der kollektiven DIAGNOSTIK und PROGNOSTIK und des kollektiven ENTSCHEIDENS für ein kollektives vernunftkontrolliertes und -gesteuertes VERHALTEN möglich sein würde. Die Strafe der damaligen „Machthaber“ blieb nicht aus.

          Dies wird ein letzter Versuch sein, der mir möglich ist, Verständnis zu wecken.