Wie lautet die Frage: Was
braucht der Mensch?
Oder: Was braucht die Globalgesellschaft?
In dem vom Parteivorstand für alle Bürger zur
Diskussion gestellten Programmentwurf der PDS heißt es:
Unsere programmatischen Ziele gehen von einer einfachen Frage aus:
"Was braucht der Mensch?". In den Kämpfen ausgebeuteter,
unterdrückter und diskriminierter sozialer Gruppen hat sich gezeigt: Menschen
brauchen die Möglichkeit, über die gesellschaftlichen Bedingungen ihres Lebens
gemeinsam mit anderen zu entscheiden. Sonst bleiben sie den Entscheidungen
anderer unterworfen. Sie brauchen den Schutz vor Gewalt. Sie brauchen saubere
Luft und sauberes Wasser. Sie brauchen Arbeit und Erwerb. Sie brauchen Bildung
und Kultur. Sie brauchen soziale Sicherheit und Gesundheit.
Es sind diese elementaren Güter, die Menschen benötigen, um ein
selbstbestimmtes Leben führen zu können. Es sind diese Lebensbedingungen, die
sie brauchen, um ihre Fähigkeiten und Bedürfnisse, produktiven Kräfte und
sittlichen Maßstäbe entwickeln zu können. Es ist die Verfügung über diese
Güter, die darüber entscheidet, ob Menschen frei oder unfrei sind. Es sind
deshalb auch keine beliebigen Güter. Sie sind nicht durch einander oder durch
andere Güter ersetzbar. Es sind grundlegende Freiheitsgüter. Der
Anspruch auf diese Güter ist deshalb auch als Anspruch auf fundamentale
Menschenrechte formuliert.
Wer ist
„der Mensch“?
Steht der Ausdruck „der
Mensch“ für „alle Menschen“ oder nur für „bestimmte Menschen“? Steht er für
alle lebenden Menschen der Gegenwart, oder auch für alle anderen
Menschen der Menschheitsgeschichte, etwa für die gesamte Spezies Homo
sapiens?
Bleiben die Bedürfnisse „der
Menschen“, das, was sie „brauchen“, in
ihrer Individualgeschichte und im Laufe ihrer Zivilisationsgeschichte gleich
oder verändern sie sich? Gibt es eine „Evolution der Bedürfnisse“?
Erkennen wir die Bedürfnisse
des Menschen nur aus „den Kämpfen ausgebeuteter, unterdrückter und
diskriminierter sozialer Gruppen“, oder auch aus anderen „Quellen“, durch
andere, speziellere oder umfassendere Diagnosen?
Reicht das
„Wahrnehmungsfenster“ eines Menschen, eines „Sozialwissenschaftlers“, eines
Politikers, irgendeines erwachsenen „Kulturmenschen“ unserer Tage und unserer
Region oder einer nicht sehr großen Gruppe
von ihnen aus, eine zutreffende „globale“ Gesellschaftsdiagnose zu stellen und
die obigen Behauptungen des Programmentwurfes zu bestätigen oder begründet
abzulehnen?
Zweifel sind erlaubt!
Parteien haben – wie das Wort sagt – einen „partikularistischen Standpunkt“,
eine „parteizentrierte Sicht“. Sie sind keine „Ganzheitler“. In ihnen lebt die
Spaltungs- oder Differenzierungstendenz fort, die eine Seite unserer
Zivilisationsentwicklung ist. Die andere Seite, das „dialektische
Gegenstück“, ist die Integrationstendenz. Dem „Zeitgeist“ zufolge besteht eine
erhebliche „Verteilungsschiefe“ in Richtung Differenzierung und ein Defizit an
Integration.
Es gehört zur „Natur“ von Parteien, dass sie von der Differenziertheit
„des Ganzen“ (z. B. einer Nation oder der Globalgesellschaft) ausgehen, aber
einen bestimmten Teil dieses Ganzen als Mitglieder, Gesinnungsgenossen,
Wähler usw. in irgendeiner Weise „integrieren“ wollen. Sie gehen dabei in
sogenannten parlamentarischen Demokratien gewöhnlich davon aus, dass das Ganze
dauerhaft „pluralistisch“, also differenziert ist und die Parteien dazu berufen
sind, im Wechsel von „Wahlperioden“ entweder zu regieren, Macht auszuüben oder
zu opponieren.
Natürlich sind allgemein die
Regierungsbänke der Parlamente begehrter als die härteren Oppositionsbänke.
Eine gewisse Tendenz zur dauerhaften Alleinherrschaft ist deshalb allen
Parteien zumindest unterschwellig eigen. Das verleitet sie dazu, immer wieder
utopische Prognosen zu stellen, Heilsversprechungen zu machen, die zwar aus
„ehrlichem“ Wunschdenken geboren sein können, aber nicht auf wissenschaftlich
zu nennenden Diagnosen beruhen.
Diese Einschätzung/Bewertung
gilt auch für den Programmentwurf der PDS, ohne dass man ihren Verfassern dafür
einen „moralischen Vorwurf“ machen kann. Es kann durchaus eine „gute Absicht“
unterstellt werden. Nur ist sie eben auf der längst versunkenen „Insel Utopia“
geboren und beruht nicht auf „wissenschaftlichem Wissen“ – trotz hoher
akademischer Grade der Autoren.
MITTEL, die
der Mensch/die Menschheit BRAUCHT – Ganzheitliches Systemmodell
Input
Transformationen
Output
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Information
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Energie
Stoff![]()
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Gefüge, Struktur
vorgeschaltete nachgeschaltete/erzeugte
Mittel Mittel und
„Abprodukte“
4 innersystemische Transformationen
in den Systemen Mensch
und Gesellschaft
„Gefügezeit“
Es besteht kein Zweifel daran, dass sich Menschen – obwohl biologisch
den „Säugetieren“ zugehörig – von ihren tierischen Verwandten unterscheiden.
Sichtbarer Ausdruck ist nicht nur ihre „Anatomie“, ihr äußerer Habitus. In
dieser Hinsicht teilen sie wesentliche Eigenschaften mit ihren nächsten
Verwandten. Was sie aber wesentlich von allen anderen Tieren unterscheidet,
sind Art und Umfang ihrer zivilisatorischen MITTEL, die sie sich nicht – wie
andere Lebewesen auch – aus der sie umgebenden Biosphäre lediglich aneignen,
sondern sich „erschaffen“.
Wir werten es als Beginn der
Menschwerdung, wenn wir neben fossilen Resten oder Spuren Artefakte finden, die
auf eine „Technologie der Strukturveränderung“ oder Transformation im
ursprünglichen Sinne des Wortes hinweisen. Diese „Technologie“ bestimmte einige
Jahrmillionen menschlicher Frühgeschichte.
Gestaltveränderungen,
Veränderungen von Größe, Form und Lage natürlicher Körper bestimmter
Größenordnung („menschliches Maß“), waren während dieser außerordentlich langen
Periode die einzige und zunehmend in noch relativ naturnaher „Arbeit“ und
„Spiel“ perfektionierte „Kunst“. Sie bildet bis heute die unabdingbare
Grundlage unserer Zivilisation („Bau“-Techniken aller Art). Aber auch die
„Gestaltung“ von Sprache und Bildern zu zivilisatorischen Kommunikationsmitteln
begann in dieser Zeit.
„Stoffzeit“
Die zweite große
zivilisatorische „Errungenschaft“ bestand in der Ausbildung einer „Technologie
der Stofftransformation“, in der Erschaffung neuer „Stoffe“, die in der Natur nicht
oder selten vorkamen. Grundlage war die „Formbarkeit“ und Größenbegrenzung, die
Strukturierung von Gefäßen und des Feuers. Auffallendste Produkte waren zuerst
feuergehärtete Keramik, Branntkalk und vor allem aus Erz erschmolzene Metalle,
später alle MITTEL, die wir der „Chemie“ verdanken.
Begrifflich verbanden sich
„Form“ und „stofflicher Inhalt“ zum antiken Körperdenken. Es entstand die
Analytik mit ihrer Fähigkeit zur
Zerlegung eines Ganzen in seine Bestandteile, der Sprache in Laute, der
Bildzeichen in Lautzeichen.
Diese Phase der Entwicklung
entfaltete sich nicht mehr erdweit, sondern blieb zunächst auf den miteinander
kommunizierenden eurasiatischen Raum beschränkt.
In diesem Raum entwickelte
sich auch die private Aneignung in neuer Form und neuen Ausmaßen. Vor
allem produzierter „Stoff“ wurde wertvoll, Hortbildung wurde möglich.
„Naturkörper“ wurden in die Schatzbildung einbezogen, auch nutzbare Tiere und
Menschen. Zu den alten Werten Größe, Gestalt, Schönheit gesellte sich der
Wertekomplex Eigentum, Besitz, Reichtum mit seinen komplementären
„Unwerten“ Besitzlosigkeit, Armut.
Mit der Inbesitznahme und
vor allem Erschaffung und Vermehrung von individuellem Eigentum differenzierte
sich ein gesellschaftliches Teilsystem „Wirtschaft“ heraus, z. B. in Form einer
sogenannten „Palastwirtschaft“ und ökonomischer Grundbegriffe, Verhaltensweisen
und Verhaltensregeln.
Mit dieser Zeit hat sich die Globalgesellschaft in zwei regional getrennte Großbereiche differenziert, von denen sich nur einer die neue Technologie der Stofftransformation angeeignet hat, während der andere in der zivilisatorischen Entwicklung „stagnierte“, die alten Lebensformen und zivilisatorischen Mittel im Prinzip bewahrte. Das Alte lebte fort, in Resten bis heute.
„Energiezeit“
Der Fokus der weiteren
zivilisatorischen Entwicklung verschob sich in der Folgezeit aus dem Orient und
dem Mittelmeerraum weiter nach Nordwesten, nach Mittel- und Westeuropa. Hier
wurde die neue Technologie der Energietransformation geboren, mit der die Neuzeit,
das Industrie- oder – vielleicht treffender – das Energiezeitalter eingeleitet
wurde. Der Anfang bestand in der technischen Freisetzung von Energie aus
erzeugten Stoffen (z. B. Schießpulver), mit deren Hilfe die neuzeitliche
Aneignung und Unterwerfung des Globus durch Europäer begann.
Die neuen energetischen
Mittel – im wesentlichen Kampf- und Tötungsmittel – dienten vor allem zur
Befriedigung alter stoffzeitlicher Wertvorstellungen. Die Bereicherung durch
Edelmetalle und andere „Wertstoffe“ spielte in der Übergangsphase eine große
Rolle. Auf diese gewaltsame Phase folgte eine zum Teil friedlichere, als
dampfgetriebene Maschinen als Arbeitsmittel erfunden wurden.
Erst jetzt wurde die
industrielle MITTELproduktion in großem Ausmaß möglich. „Kraft“ wurde zum neuen
gesellschaftlichen Idol, mit dem ALLES erreichbar schien. Der
gesamtgesellschaftliche Input, vor allem an natürlichen Rohstoffen, wuchs ins
Ungemessene und ebenso die massenhafte Produktion von Konsumtionsmitteln aller
Art. Vor allem die Bevölkerung der nördlichen gemäßigten und kälteren Klimazone
profitierte von der Erzeugung von Wärme- und Bewegungsenergie. Die Masse der
Menschen mutierte zu Maschinenbedienern, bei denen freilich nicht – wie Marx
analysierte – primär deren ArbeitsKRAFT gefordert war, sondern ihre Fähigkeit,
Kraftmaschinen und die mit ihnen gekoppelten Aggregate durch ihre naturhafte
Informationsverarbeitung zu kontrollieren und zu steuern.
Die erhöhte Dynamik führte
rasch zur erdweiten „imperialistischen“ Expansion Europas. Die alten
geographischen Grenzen wurden aufgebrochen und überschritten, ebenso viele
andere Grenzen des Denkens, der Moral, der naturbedingten Zwänge. Das alte
antike Körperdenken wich einem Systemdenken, in dem struktur- und grenzenlose
„energetische Felder“ eine wesentliche Rolle spielten – auch grenzenlose
Freiheiten aller Art.
Aus dieser verfügbar
gemachten „Explosivkraft“ als wichtigstes neues gesellschaftliches Mittel
entstand ein allgemeiner Machbarkeitswahn, der nicht durch natürlichen
Verstand, durch Vernunft zu bändigen war und ist, obwohl sie mit der
„Aufklärung“ immer wieder beschworen wurden.
„Informationszeit“
Diese Aufgabe könnte erst
gelöst werden, wenn neue Mittel der technischen „Informationstransformation“ zur
Erzeugung von Hilfsmitteln für gesamtgesellschaftliche „Vernunftentscheidungen“
zur Verfügung stünden. Aber dies Ziel ist noch immer kaum „angedacht“.
Es fehlt in hinreichender
Deutlichkeit auch im Programmentwurf der PDS, dem der nötige historische Blick
auf die Gesetzmäßigkeit der globalgesellschaftlichen Entwicklung abgeht. So
kann man keine Prognosen für eine zukunftsgerechte Politik machen!
Das Programm ist eine
manische Häufung von Beliebigkeiten, die zwar als Ausdruck eines Gefühls
der Selbstbefreiung von alten Dogmen erklärbar ist. Aber was die
Globalgesellschaft braucht, ist nicht das Nachholen unerfüllter Freiheitsträume
aus der Zeit der Französischen Revolution, sondern die Einsicht in
Notwendigkeiten, die angesichts der wahnhaften Wünsche eines krebsartig
ausgeuferten gesellschaftlichen Teilsystems „Wirtschaft“ zu harten
therapeutischen Schnitten führen müssten.
Was wir brauchen, sind neue
diagnostische und prognostische Mittel, auf deren Grundlage die
Globalgesellschaft sich von ihren eigenen Träumen, Verführungen und
Suchtmitteln, von fragwürdigen „Werten“ befreien kann, mit denen ein großer
Teil von ihr inzwischen „versorgt“ wird. Das ist schwer zu machen, wie wir aus
den ungelösten Problemen der Suchtmitteltherapien wissen. Es besteht offenbar
noch immer eine große Affinität menschlicher Fantasien für Stoffliches.
„Stoffe“ können den „Geist“, das „Informationsverarbeitungssystem“, beflügeln
oder lähmen. Der Entwurf erwähnt auf diesem Gebiet nur „reine Luft“ und „reines
Wasser“.
Aber schon Ernst Busch sang:
Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum braucht er was zu essen,
bitte sehr! Unsere zu enger Spezialisierung genötigte
„Verbraucherministerin“ wird das voll bestätigen können. Ja, sie denkt dabei
nicht einmal an die „Kleider und auch Schuh´“, von denen Busch im gleichen
Liede auch noch sang.
Der Programmentwurf nennt
als ersten Bedarf die Möglichkeit, miteinander zu entscheiden. Das zeugt von
beachtenswerter Einsicht. Offenbar wird aber Entscheiden als Rechtsanspruch,
als allgemeines MenschenRECHT aufgefasst. Dabei bleibt die Frage der
EntscheidungsFÄHIGKEIT unerwähnt. Entscheidungsfähigkeit setzt produzierte
Information voraus. Nur wer über brauchbare Information verfügt, kann
sachgerecht und vernünftig entscheiden – es sei denn, er betrachtet Entscheiden
als risikobehaftetes Lotteriespiel, wie er es von den meist üblichen
„demokratischen Wahlentscheidungen“ und anderen Spielen her gewöhnt ist.
„Spiele“, vor allem
Bewegungsspiele, sind eine Grunderrungenschaft aller frei beweglichen Tiere.
Allen diesen körperlichen Bewegungen gehen ziel- und wegbestimmende
„informationelle Antriebe“ voraus. Bewegungskontrollen begleiten sie. Allen
Tieren sind deshalb informationsverarbeitende Nervensysteme mit Input und
Output eigen.
Der Mensch hat dabei die
besondere Fähigkeit, einen speziellen „extrasomatischen informationellen
Output“ als KommunikationsMITTEL zu erzeugen, zu produzieren. Er braucht stets
zweierlei: als Naturwesen „Naturprodukte“, als Zivilisationswesen
MENSCHENGEMACHTE MITTEL, vor allem die von keinem anderen Naturwesen
hervorzubringenden „INFORMATIONELLEN MITTEL“, die am Beginn eines Prozesses
stehen, der die zwangsläufige Abfolge hat: INFORMIEREN – ENTSCHEIDEN – HANDELN.
Entscheidungsrecht hat also
auf Information beruhende Entscheidungsfähigkeit zur Vorbedingung, nicht
formalisiertes Recht, das als „Rahmenbedingung“ von fehlbaren „Gesetzgebern“
gemacht werden kann.
Menschen sind Hybridwesen,
Konfliktwesen zwischen Natur und Zivilisation. Ihr Problem ist diese
Zwitterstellung, der wir uns viel zu zögernd bewusst werden. Bisher haben wir
uns der „Natur“ als beliebig ausbeutbare, uns untergeordnete „Lebensgrundlage“
bedient. Wir haben diese Vorstellung einer vertikalen Oben-Unten-Struktur auch
auf die Gesellschaft übertragen und sie hierarchisch in Ober- und
Unterschichten „geordnet“. Wir haben dabei gewöhnlich einseitig das
selbstverständliche Recht des Oberen gesehen, vom Unteren zu parasitieren.
Aber „Natur“ war stets ein „koordiniertes Mehrschichtsystem“ (Ökosystem, vgl. Abb.), in dem es nicht nur um das „Recht des Höheren“ gegenüber dem Niederen ging, sondern eher noch um die Pflichten, die Verantwortung des Höheren gegenüber dem Niederen. Wer die Füße über Weg und Ziel entscheiden lässt und nicht den Kopf, wird auf Irrwege gefasst sein müssen.
Wer Recht, Freiheit,
Wohlstand usw. sagt und nicht im gleichen Atemzug auch Pflicht, Zwang,
Enthaltsamkeit, wer es nicht versteht, lebensnotwendige Relationen, Verhältnisse,
also Kompromisse zwischen Gegensätzen zu denken, zu benennen und herzustellen,
kann in einer Welt zwischen Chaos und Ordnung, zwischen Differenzierung und
Integration nicht bestehen.
Der vergesellschaftete
Mensch „braucht“ nicht nur, um „frei“ zu sein oder zu werden. Er unterliegt dem
zivilisatorischen Zwang, MACHEN zu müssen, um relativ unabhängig von der
Natur und von ihren natürlichen evolutionären Zwängen zu werden. Er hat sich
deshalb durch die Schaffung von Mitteln in einigen Jahrtausenden Möglichkeiten
geschaffen, für die die natürliche Evolution Jahrmillionen gebraucht hätte.
Er hat die für ihn zu
langsam wirkende Einheit von natürlicher Mutation und Selektion halbiert, hat
zwar die Mutation in „beiden Richtungen“ (nach „Oben“ und nach „Unten“)
prinzipiell zugelassen, aber die Selektion, die Aussonderung des Unangepassten,
durch „soziale zivilisatorische Errungenschaften“ zumindest in der Neuzeit
weitgehend ausgeschaltet. Er ist als Naturwesen folgerichtig „degeneriert“ und
hat damit seine „zivilisatorischen Fortschritte“ teuer bezahlt.
Gleichzeitig hat er im Verlauf
seiner Emanzipation von den Zwängen der Natur eine wahnwitzige zivilisatorische
Selektion des „Hochwertigen“ betrieben, hat seine „geistigen Eliten“ im
christlichen Zölibat „kastriert“, hat seine leistungsfähigste Jugend im
fortpflanzungsfähigen Alter durch Kriege „verheizt“, hat Wirtschafts- und
politische Konkurrenten in Vernichtungslagern umgebracht, hat in einem manisch
„befreiten“ Sexualleben die Regeln der „natürlichen erweiterten Reproduktion“
außer acht gelassen oder aus ähnlichem Antrieb tödliche Seuchen verbreitet, die
ganze Regionen auszulöschen drohen.
Im Vergleich zu diesen und
ähnlichen Konflikten wirken die im Programmentwurf deklamierten
Veränderungsabsichten harmlos und sekundär. Wir hätten zumindest in der
Gegenwart die Mittel, um zahlreiche Konflikte zu lösen, Probleme aus der Welt
zu schaffen. Was uns hindert, es wirklich zu tun, ist unser naturhaftes
Informationsverarbeitungssystem Gehirn, das auf 6 Milliarden höchst
unterschiedlich arbeitende Köpfe verteilt ist, deren wirksame und zweckdienliche
Integration uns nicht gelingt. Auch die vorwiegend differenzierende
Selbstregulierung durch den Markt leistet nicht das Nötige.
Hier liegt der Schwerpunkt
der zukunftsbewussten gesellschaftlichen Kooperation! Aber wir verzetteln uns
im „globalen Palaver“. Es gelingen uns keine entscheidungsfördernden, als
wissenschaftlich zu bewertenden Gesellschaftsdiagnosen und –prognosen.
Der historische Sinn
„sozialistisch-kommunistischer Bewegungen“ lag und liegt in ihrer
Integrationsfähigkeit als Gegenbewegung zur gesellschaftlichen
„Spontandifferenzierung“. Integrieren heißt nicht „Zusammenprügeln“. Das war
eine energiezeitliche Methode, die in einigen Jahrhunderten praktiziert wurde
und noch immer fortlebt, im Nahen Osten ebenso wie im noch näheren Genua.
Integrieren heißt,
gesellschaftliche Ziele und Wege der Gegenwart und Vergangenheit zu
diagnostizieren und daraus Prognosen für die Ziele und Wege der zukünftigen
Menschengesellschaft in ihren
Relationen zu anderen „nichtmenschlichen Gesellschaften/Systemen“ der Biosphäre
abzuleiten. Das Dilemma besteht darin, die Bewusstseininhalte oder „inneren
Modelle“ von 6 Milliarden so zu „generalisieren“, dass sie für alle fassbar und
in praktisches Handeln umsetzbar sind. Das wäre freilich eine „allparteiliche“
Zielsetzung und würde „Einzelparteien“ überflüssig machen.
Die PDS hat traditionsgemäß
gewisse globale Denkansätze „geerbt“, die zwar im einzelnen fehlerhaft, aber in
manchen Grundzügen bewahrenswert sind. Nach dem Frust über die mangelnde
Realisierbarkeit alter Prognosen ist sie nun in der Gefahr, auch das
Bewahrenswerte ungeprüft zu verwerfen. Sie müsste freilich umdenken:
Sozialismus und Kommunismus sind keine historischen „Gesellschaftsformationen“,
die einen so genannten Kapitalismus ablösen. Sie sind vielmehr Ausdruck einer
säkular wirkenden gesellschaftlichen Integrationstendenz, die mit einer
„freiheitlich-liberalen“ Differenzierungstendenz ohne Aussicht auf einen
„Endsieg“ der einen oder der anderen Seite konkurriert. Beide wirken in allen
„Formationen“ (als Zeiteinheiten, oben angedeutet) als „Einheit und ´Kampf´ der
Gegensätze“ sowohl gegeneinander als auch zusammen.
Der Sozialismus/Kommunismus
der „Energiezeit“ setzte auf das falsche Ziel, einen Pol der
untrennbaren bipolaren Gegensätze „auszuschalten“. Der Sozialismus/Kommunismus
der „Informationszeit“ kann dazu beitragen, vernünftige Relationen in
einem unvermeidlich „binären System Menschengesellschaft“ herzustellen. Die
Selbstbewertung als „Linke“ ist eine schlechte Metapher in einer Welt, in der
die Mehrzahl der Systeme als symmetrisch strukturiert erkannt wird.
Auch „Kapitalismus“ ist keine historische Gesellschaftsformation,
sondern ein formationsübergreifendes Phänomen, das seine Wurzeln in der
„stoffzeitlichen“ Antike hatte, in der zuerst eine Mehrprodukt und Gewinn
bringende „Überproduktion“ möglich wurde. Diese Möglichkeit zur Überproduktion
bei gleichzeitigem „Wegrationalisieren“ einer vermeintlichen „Produktivkraft
Mensch“ mittels billigerer elektronischer Kontroll- und Steuertechnik hat in
der Gegenwart die Verteilungsschiefe von globalem Geldbesitz ungemein
verstärkt, dem „Kapitalismus“ also neue Ressourcen erschlossen.
Es ist an der Zeit, sich der
Bedeutung eines evolutionären Paradigmenwechsels beim Übergang von der
„Energiezeit“ zur „Informationszeit“ bewusst zu werden, den Istzustand des
Systems Globalgesellschaft im
räumlich-zeitlichen Zusammenhang neu zu diagnostizieren, nicht nur das know
how, sondern vor allem auch das know why gültig zu
verallgemeinern und damit die Grundlagen für hochwahrscheinliche Prognosen zu
„produzieren“. Die Gesamtheit der Menschengesellschaft braucht neue
Orientierungen, neue Ziele und Strategien, die dem Verlauf der Geschichte und
den sich entwickelnden Möglichkeiten gerecht werden. Das ist mit „Parteien
alten Stils“ nicht mehr zu machen.
Die neuen Orientierungen
erfordern von den wissenschaftlichen „Expertenkulturen“ einen Übergang zu neuen
Formen der wissenschaftlichen Kommunikation, zur effektiverer Integration der
Spezialisten, zu mehr Kollektivität, zu zielgerichteter Produktion von
Entscheidungsgrundlagen für gesamtgesellschaftliche Bemühungen zur Herstellung
existenzbewahrender Proportionen des Mehrschichtsystems irdische Biosphäre. Es
ist nicht erkennbar, dass die gesellschaftswissenschaftlich gebildeten Experten
des ehemals „sozialistischen Weltsystems“ sich ihrer Verantwortung bewusst
werden und verstanden haben, weshalb und in welch hohem Maße die von ihnen
mitzuverantwortende Gegenwartsgesellschaft therapierungswürdig ist.
11.09.01
E. Schlegel