Warum
„Zivilisationsgeschichte“?
Die Beantwortung der Frage erfordert
komplexe Gesellschaftsdiagnosen, also Istzustandsuntersuchungen und Anamnesen,
Fragen nach dem Wie und Warum der Gegenwartsbefunde.
Die Menschen haben fast immer nach
know how und know why gefragt – aber in wechselnden Relationen. Vielen wurde
das Warum-Fragen schon im Kindesalter ausgetrieben. Andere scheuten das Chaos
der widersprüchlichen und schwer überprüfbaren Antworten.
Warum-Fragen zielen zwar immer auf
zeitlich frühere Ursachen für bestehende oder bekannte Wirkungen. Aber die
interessierenden zeitlichen Abstände sind gewöhnlich kurz, menschlichem
Maß, lebenszeitlicher Erfahrung angemessen: „Soweit ich mich erinnere…“
Das reicht in der Regel für eine
ärztliche Diagnose und eine Therapieentscheidung von Individuen. Für
gesellschaftliche Systeme von der Kommune bis zur Globalgesellschaft reicht das
nicht. Aber offensichtlich besteht Bedarf an einer Gesellschaftstherapie
globalen Ausmaßes. In unserer täglich benutzten Terminologie gehen wir sogar
noch weiter und sprechen unbedacht von der „WELT“ und der Notwendigkeit oder
zumindest Möglichkeit ihrer Veränderung.
Natürlich sind das relativ
gedankenlose Sprachspiele. Aber was berechtigt uns zu derartigen
Gedankenlosigkeiten oder –verirrungen? Haben wir uns und die „Welt“ noch unter
Kontrolle und sind wir in der Lage, den „Gang der Welt“ zu steuern?

Wir lasen als 16jährige im 2. Weltkrieg
(1942) ein englisches Drama über die Grabenkämpfe des 1. Weltkrieges mit dem
bezeichnenden Titel „Journey´s End“ – „Ende der Reise“. Kurz vor meiner Meldung
als Kriegsfreiwilliger prägte sich für den Rest meines Lebens daraus der Satz
ein: „Lost control of himself“. Er bezog sich auf einen jungen englischen
Kompanieführer, der nach Jahren an der Front seine Nerven (ich würde heute
sagen: sein Informationsverarbeitungssystem) durch „Doping“ mit Alkohol
zugleich halbwegs zu lähmen und aufzuputschen versuchte.
In einer ähnlichen Situation des
intellektuellen Balancierens zwischen Vernunft und Irrsinn befindet sich
augenscheinlich heute der größere Teil der Gesellschaft. Zumindest darf
diagnostiziert werden, dass die individuellen und kollektiven Entscheidungen
nicht mehr auf der Grundlage ausbalancierter diagnostischer und prognostischer
Modelle getroffen werden.
Die mehr als 6 Milliarden
Individuen der Globalgesellschaft einschließlich ihrer politischen, geistigen
und sonstigen Eliten sind eindeutig intellektuell überfordert.
Jaques Neirynck schreibt in seinem (lesenswerten) Buch
zur „Evolution der Technik“ eingangs über unsere Notwendigkeit, mit
GEBRAUCHSANWEISUNGEN (also ohne know why) zu leben:
„Diese Welt ist auf der Suche nach einer fundamentalen Gebrauchsanweisung. Die Absicht dieses Buches ist es, einen
Entwurf dafür zu erarbeiten, indem
wir die Irrwege der Vergangenheit untersuchen, um zu lernen, wie wir uns gegen sie schützen können,
und um sie durch eine rein
physikalische Argumentation zu erklären. Es ist deshalb der Mühe wert, sich der Vergangenheit zuzuwenden und
sich in einen der herausragenden
Momente der Geschichte zu versetzen, wo das Schicksal der Menschen
umkippt. Wie konnten wir die ultimative Maschine installieren, die uns zu
vernichten in der Lage ist, es nur bisher
noch nicht getan hat?“
Es wird nicht ausreichen, unsere
Entscheidungsschwierigkeiten in einer schwer verständlichen Welt durch
Gebrauchsanweisungen zu steuern. Wir brauchen ERKLÄRUNGEN, WARUM wir so sind
wie wir sind. Eine erfolgversprechende Therapie erfordert neue diagnostische
und prognostische Gesellschaftsmodelle, die nur durch eine neue
„Produktionsweise“ der Wissenschaften möglich sein werden.
ES
07