Vom Paradigma der Energiezeit zum Paradigma der Informationszeit

 

Unter Berücksichtigung eines „Paradigmas der Medizin“

 

            Das Menschen-, Gesellschafts- und Weltbild der Energiezeit[1] ist differenziert. Würde man etwa eine Gruppe von Menschen auffordern, ihr persönliches „Weltbild” als grobe Skizze auf einem Blatt Papier darzustellen, würden vermutlich diese nach außen projizierten „inneren Modelle“ größere Unterschiede aufweisen als sie an den beteiligten „Probanden“ äußerlich, visuell, akustisch oder auf andere Weise  wahrnehmbar sind. Von einem „einheitlichen Weltbild“ kann offensichtlich keine Rede sein. Vielmehr besteht dies aus einer Vielzahl von „Einzelwerken“, die sich bestenfalls in Galerien sammeln, aber kaum nach sinnvollen Kriterien ordnen lassen. „Moderne“ und „Postmoderne“ kultivieren gewissermaßen diese chaosnahe Differenziertheit oder „Pluralität“ und bewerten sie als Ausdruck „geistigen Reichtums“, in dem eine mehr oder weniger spontane Selbstregulierung schon für eine gewisse Ordnung sorgen wird.

            Als intellektuelle Herausforderung wird dieser chaosnahe Zustand in der Regel kaum empfunden. Zumindest sind in letzter Zeit selbst die durch zivilisatorische Selektion herausdifferenzierten intellektuellen, politischen und/oder wirtschaftlichen Machteliten an dieser Herausforderung gescheitert. Was bleibt, ist schlicht gesagt, die Hoffnung auf ein „Wunder“: Der liebe Gott wird sich schon etwas einfallen lassen! Vielleicht tut es auch schon ein Machtwechsel in Bonn?

            Hier klafft natürlich ein erheblicher Widerspruch zwischen einem Welt- und Menschenbild, das im vorigen Jahrhundert zu der Selbstbezeichnung Homo sapiens - der Vernunftbegabte - führte und der von diesem „vernunftbegabten Wesen“ schließlich selbst erzeugten oder zugelassenen Dekadenz und Chaosnähe. Die Zivilisationsgeschichte war ja zu keiner Zeit eine ausschließliche „Erfolgsstory“, kein Prozess der „Weltverbesserung“, sondern eher eine „Verschlimmbesserung“. Das betrifft wohl auch das Wirken der Medizin, die das Ziel einer gesunden und in jedem Falle heilbaren Menschheit nicht erreichte und vermutlich nicht erreichen kann. Alle natürlichen wie menschengemachten Systeme sind „Systeme mit eingebauten Defekten“. Nobody and nothing is perfect!

 

Paradigma - Modell - Abbild

 

            Die Bezeichnungen „Paradigma“  und „Modell“ bezeichnen etwa den gleichen Sachverhalt: ein menschengeschaffenes „Abbild“ eines konkreten, real existierenden Sachverhaltes, meist eines sogenannten Systems, also einer räumlich-zeitlichen Einheit von Körper und Feld. Das „Abbild“ besteht in irgendeiner Weise aus Zeichen mit Bedeutung. Eine erhebliche Rolle spielen (verbale) Aussagen. Zunehmend werden „fotogetreue“ Bilder (z. T. 3-D) und zur Abbildung von Prozessen bewegte Bilder, also „Filme“, erzeugt und benutzt.

            Sie dienen der zwischenmenschlichen Kommunikation, der Kommunikation eines Individuums mit sich selbst, aber auch der Simulation, der Entscheidungsfällung usw. Verallgemeinernd könnte man sagen: Die Welt und ihre Teilsysteme (etwa die Menschen, auch in der „Sonderform“ als „Patienten“, „Steuerbürger“, „Wehrpflichtige“ usw.) werden zu „Akten“ „transformiert“, die als „Versatzstücke“ für den konkreten „Gegenstand Mensch“ annähernd beliebig „manipuliert“ werden können.

            Es sind also im Kopf gespeicherte „innere Modelle“ von „extrasomatischen“, auf geeigneten Trägern gespeicherten Modellen zu unterscheiden. Die „Elemente“ derartiger Modelle, also Zeichen, Aussagen usw., widerspiegeln die Merkmale der modellierten Systeme: Bestandteile, Eigenschaften und Verhaltensweisen. Jedes Merkmal wird durch zwei (vorhanden/nicht vorhanden) oder mehr Merkmalswerte charakterisiert. Dies gilt für alphanumerische Codierung (unter Verwendung von „Daten“). Bei nur-verbaler Beschreibung ist dieser Formalismus verschleiert und wird oft nicht bewußt.

            Ein Paradigma kann als Sonderform eines Modells verstanden werden, durch die ein relativ umfangreicher „gesellschaftlicher“ Sachverhalt modelliert wird. Ein Paradigma ist etwa gleichbedeutend mit dem „Weltbild“ (z. B. der „Moderne“) oder dem gesamtgesellschaftlichen Wissensfundus einer bestimmten geschichtlichen Epoche in einer mehr oder weniger gekürzten und komprimierten, philosophisch verallgemeinerten Fassung. Dabei ist der Gegenstand „Gesellschaft“, die Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft der Gesellschaft, von besonderem Interesse. Besonders der Teil eines Paradigmas, den wir als prognostisches Modell bezeichnen können, spielt in („revolutionären“) Umbruchszeiten mit noch weitgehend undefiniertem Weg und Ziel eine erhebliche Rolle.

Paradigmenwechsel in Medizin und Gesellschaft

 

            Paradigmen unterliegen analog zu ihrem sich verändernden Gegenstand (z. B. Weltgesellschaft) einem historischen „Paradigmenwechsel“. Gegenwärtig erleben wir einen Paradigmenwechsel von der Industrie- oder Energiezeit zur Informationszeit. Der geringe Abstand, unser Eingebundensein in diesen uns überrollenden Umwälzungsprozess, macht es uns schwer, sein Wesen und seine eigentliche Bedeutung zu erkennen und als „neues Paradigma“ nach außen zu projizieren, darüber zu sprechen und zu schreiben. Noch schwieriger ist eine Prognose der zukünftigen Wirkung dieser beschleunigten Evolution. Es ist einsehbar, dass Zukunftsaussagen nur Wahrscheinlichkeitsaussagen mit unterschiedlicher Sicherheit sein können. Aber es ist von erheblicher Bedeutung, ob und wie wir uns auf einen ablaufenden globalen Prozess einzustellen haben, ob wir ihn in gebräuchlicher Weise mit „obrigkeitlich verordneten Reformen“ regulieren lassen können, oder ob wir möglicherweise in ungewohnter Intensität zu riskanten persönlichen Verhaltensänderungen genötigt sein werden.

            In Berliner Ärzte 2/97, S. 15 referierte Rosemarie Stein über einen Redebeitrag von Jens Reich zum Thema „Paradigmenwechsel in der Medizin“. J. Reich wird zitiert: „Zum Leitbild der Medizin des kommenden Jahrhunderts wird... ein neues Paradigma werden, das ich als genomisches Leitbild benennen und beschreiben möchte.“

            Das sind prophetische Worte. Worauf gründen sie?

            Zunächst wohl auf dem begrenzten Überblick über einen universellen Sachverhalt, wie er in „Expertenkulturen“ zwangsläufig üblich ist. Gibt es eine Rechtfertigung dafür, ein „medizinisches Paradigma“ von einem „gesamtgesellschaftlichen“ zu separieren?

            Die Medizin oder das Gesundheitswesen ist zweifellos ein bedeutendes gesellschaftliches Teilsystem, dessen Bedeutung in einer stark zu biologischer und ethologischer Degeneration tendierender Gesamtgesellschaft noch zunehmen dürfte. Ein „medizinisches Paradigma“ müsste aber wohl zumindest mit einem gesamtgesellschaftlichen korrelierbar sein. Dies scheint auch durchaus möglich, wenn man die Gemeinsamkeit beider Paradigmen in einer gewissen Zentralstellung des Sachverhaltes „Information“ sucht.

            Geht man davon aus, dass das Genom nicht nur ein biochemisches oder molekular-körperliches, sondern ein „informationell wirkendes“ Teilsystem von Lebewesen ist und dass dieser informationelle Aspekt gegenwärtig im Mittelpunkt der Betrachtung steht, wird die Korrelation mit dem gesamtgesellschaftlichen Paradigma einigermaßen deutlich.

 

Die neue Sicht von Information und Informationsverarbeitung im Zusammenhang mit der Technisierung der Informationstransformation

           

            Umfang und Bedeutung des neuen Paradigmas (oder „Weltbildes“, vgl. Capra[2]) ist mit den Mitteln traditioneller einzelwissenschaftlicher Arbeitsmethodik nur schwer zu erkennen. Es wären fachübergreifende kollektive Bemühungen erforderlich, die sich aber derzeit noch sehr schwer realisieren lassen. Die „geistige Arbeit“ ist ihrem Wesen nach noch immer naturhaft, bedient sich in ihrem Kernbereich des natürlichen Organs Gehirn und erlaubt normalerweise nur die „einfache Kooperation“, d. h. eine im mittelalterlichen Zunftwesen und früher übliche Kommunikationsform „selbstständiger Warenproduzenten“ mit hohen Anteilen an „Kunstfertigkeit“. Die Bezeichnung „Arzt“ weist beispielsweise bis heute auf diese „Kunstfertigkeit“ hin. Im Gegensatz dazu steht die seit der Industriezeit übliche Arbeitsweise der mit Maschinen arbeitenden „materiellen Produktion“. Die Kluft zwischen beiden „Produktionsweisen“ gilt als unüberwindbar, angesichts des „Arbeitsgegenstandes Mensch“ oder Lebewesen wohl auch als unverzichtbar.

            Dies Vorurteil beruht unter anderem auch auf den Unklarheiten über den Sachverhalt „Information“. Es ist noch immer schwer, ihn widerspruchsfrei zu definieren. Und jeder in derartigen Definitionsversuchen manifestierte Widerspruch vermehrt die Reserviertheit, die viele noch immer der ex-trasomatischen Informationsverarbeitung mittels weltweit vernetzbarer Computer entgegenbringen.

            Das Problem betrifft ein gesellschaftliches Phänomen von erheblicher Bedeutung: Die Identität oder den „Widerspruch“ von Gegenstand und Modell. Jeder praktizierende Arzt ist fast täglich mit dem Problem konfrontiert, Wahrnehmungen (also Signale oder Informationen) über seinen „Gegenstand Patient“ in Aussagen, Daten, Bilder usw. zu transformieren und so für die eigene Wiederverwendung oder zur Weitergabe an Versicherungsunternehmen, Kollegen, Mitarbeiter und an den Patienten selbst zu speichern. Umgekehrt nimmt er ähnliche zu Aussagen transformierte Wahrnehmungen (Diagnosen und therapeutische Prognosen) ständig von anderen entgegen und versucht, sich daraus ein möglichst zutreffendes Bild über den „Gegenstand“ zu machen.

            Beide Prozesse sind oft mit hohen (subjektiven) Irrtumsrisiken verbunden. Zumindest kann gewöhnlich nicht davon ausgegangen werden, dass „Modell“ und „Gegenstand“ in mehr als einigen wenigen Parametern genau genug übereinstimmen. Die Diagnose eines Fachkollegen bedarf in der Regel einer „Verifizierung“ durch eigene Befundung.

            Dies ist offenbar deshalb nötig, weil Ärzte ähnlich wie andere naturwissenschaftlich Gebildete zumindest noch gelernt haben, die „Sprache des Gegenstandes“, also „natürliche Signale“ (etwa das Aussehen des Gegenstandes) zu „verstehen“ und zu transformieren. Genaugenommen handelt es sich dabei um eine Anpassung von Wahrnehmungen an ein eigenes „inneres Modell“. Wird das Ergebnis dieser Anpassung anschließend zu einem „extrasomatischen Modell“ weitertransformiert (Sprache, Schrift), so tritt in der Regel eine weitere „Verfälschung“ oder „Verfremdung“ der primär vom Gegenstand ausgesandten Signale ein.

            Es dürfte einleuchten, dass diese Signale, die von einem „Gegenstand“ oder Sachverhalt ausgehen und von einem Beobachter aufgenommen werden, feldvermittelt sind. „Information“ kann grundsätzlich also als „Feldeigenschaft“ verstanden werden. Die Bezeichnung „Feld“ ist nur sinnvoll, wenn sie auf einen „Körper“ bezogen ist. Die „materielle Einheit“ von Körper und Feld können wir heute gemeinhin als „System“ bezeichnen.

            Seit dem Mittelalter wurde diese Einheit zunehmend wissenschaftlich erforscht und modelliert. Dabei wurde das Feld zunächst vorwiegend als ein „energetisches“ Phänomen verstanden („Kraftfeld“). Dass dies Phänomen wie viele andere einen „Doppelcharakter“ besitzt, lehrt uns unsere jüngere Erfahrung über die „Feldeigenschaft Information“, die in gewissem Sinne komplementär zu „Energie“ ist. Man könnte konstatieren: Information ist der weitgehend unerforschte Feldanteil, der nicht mit dem eingehender erforschten Phänomen „Energie“ zu identifizieren ist. Information ist demnach „Negenergie“ - und bedarf weiterer wissenschaftlicher Erforschung und Begriffsbildung.

            Unser so entstandenes neues Wissen über Systeme als Körper-Feld-Einheiten lässt sich in kürzester Form durch ein halbwegs strukturell identisches Modell darstellen:

„Körper“ (Soma) ist hierbei verstanden als „dialektische Einheit“ von „Struktur“ (Gefüge) und „Stoff“, ein Modell, das seit der griechischen Antike Bestand hat und das durch die beiden „Grundwissenschaften“ Physik und Chemie zunehmend präzisiert wurde. Der alte griechische Komplementärbegriff „Psyche“ (zu „Körper“) wurde als weitgehend identisches Modell für das Phänomen „Feld“ (hier vor allem bezogen auf das System Mensch) erkannt. Es besteht praktisch kein unlösbarer Widerspruch, wenn wir formulieren: Alle uns bisher als Körper erschienenen Phänomene erkennen wir zunehmend als Systeme, also als Körper mit umgebenden und einander durchdringenden Feldern, die energetische und informationelle Eigenschaften besitzen.

 

            Diese räumlich-statische Betrachtungsweise bedarf eines zeitlich-dynamischen Komplements in der Form eines System-Prozess-Modells, das für alle uns bekannten Systeme und Prozesse als Grundmodell gelten kann.

            Die dargestellten vier Grundprozesse bilden ein „geschlossenes Begriffssystem“, ein „Maßsystem“, in das sich alle anderen Prozesse einordnen lassen. Das bereitet unter Umständen Verständnisschwierigkeiten. Wir denken in der Regel „akkumulativ“, sammeln eklektisch einen „Begriffsschatz“ wie einen Haufen Münzen und haben zuweilen gewisse Schwierigkeiten, diesen „systematisch“ zu ordnen.

 

 

        Mit einem „systemischen Grundmodell“ wie dem hier dargestellten ist zunächst ein eng begrenztes universelles Grundschema angelegt, das sich durch weitere dichotome Verzweigungen differenzieren ließe, in das aber alle nicht ausdrücklich benannten Prozesse eingeordnet werden könnten.

            Es kommt hier jedoch nicht auf diese „analytische“ Differenzierung an, auf die Abbildung einer schwer überschaubaren Vielfalt, sondern auf deren Integration (Synthese) zu einer das Wesen der Erscheinungen zeigenden Ordnung, die insbesondere auch die Bedeutung der „Information“ als einer von vier Grundeigenschaften aller Systeme andeutet.

            Daraus erhellt die außerordentliche Bedeutung des gegenwärtigen zivilisatorischen Phasensprunges aus der „Energiezeit“ in eine „Informationsgesellschaft“. Sie bedeutet nicht nur eine neue gesellschaftliche Qualität in der mehrere Millionen Jahre umfassenden zivilisatorischen Evolution, sondern auch deren „Vollendung“. Von nun an steht uns keine Grundeigenschaft für eine weitere zivilisatorische Evolution mehr zur Verfügung. Sie bietet also die letzte Großchance, den von uns Menschen eingeschlagenen und bisher beschrittenen Weg zu Ende zu gehen. Die letzte Möglichkeit, die den Systemen dieser Welt (zumindest unserer Erde) gegeben ist, ist die der Informationstransformation, der Selbst- und Welterkenntnis und unserer Selbstbefähigung zu einer systemverträglichen Bewahrung der von uns bisher relativ verantwortungslos und unbedarft okkupierten Biosphäre.

 

Wo liegen unsere Grenzen als „Umgestalter“ dieser Welt?

 

            Unsere bisher so „überzeugend“ bewiesene Fähigkeit zur Transformation, zur Veränderung und Umgestaltung dieser Welt, beruhte auf der Möglichkeit des Naturwesens Mensch, über das Vermögen seiner evolutionären Vorläufer (Pflanzen und Tiere) hinaus bestimmte „innersomatische“ Prozesse zu extrasomatischen, technischen Prozessen zu transformieren. Dabei basiert diese Befähigung auf einer besonderen Qualität der Informationsverarbeitung, die durch die Evolution eines Zentralnervensystems in den ersten Jahrmillionen der Existenz als Homo erectus entstanden war. Auf dem Wege über die Gestalterkennung und Gestaltmodellierung gelang es ihm, seine frei gewordenen Hände als Werkzeuge oder Effektoren für die Umgestaltung (im Sinne des Wortes!) einiger ihn umgebender Naturkörper zu nutzen. Diese uralte „Kunst“ der „Gefügetransformation“ (in der sog. Steinzeit) lebt bis heute als „bildende Kunst“ und in der Medizin vor allem als Chirurgie fort. Auch unsere Sprache ist ursprünglich ein „Produkt“ dieser Zeit - mit allen Stärken und Schwächen, die dieser Traditionalismus mit sich bringt. Natürlich wurde mit dem durch die nachfolgenden „technischen Revolutionen“ erfolgenden „Phasensprüngen“ in eine jeweils „höhere“ gesellschaftliche Qualitätsstufe auch die Technologie der Gefügetransformation entschieden weiterentwickelt.

            In der Folgezeit gelang es also dem Menschen, die Evolution der irdischen Biosphäre in mehreren ähnlich bedeutungsvollen zivilisatorischen Transformationsschritten intuitiv zu wiederholen. Die Parallelität dieser vier Großschritte auf allen Systemebenen der Biosphärenevolution deutet die folgende Tabelle an (von unten nach oben zu lesen). 

 

              Wenn wir davon ausgehen, dass wir uns gegenwärtig noch weitgehend im „Energiezeitalter“ befinden und den Phasensprung in die „Informationszeit“ gerade begonnen haben (wenn auch bereits seit einem halben Jahrhundert), dann wird deutlich, dass unser gesellschaftliches Verhalten in großen Zügen der „Tierzeit“ der Biosphärenevolution entspricht. Kraftentfaltung (power), Dynamik, Gewalt, Kampf, Konfrontation, Macht sind die dominanten „Leitmerkmale“ dieser Epoche, die in der Zivilisation seit dem Übergang vom Mittelalter zur „Neuzeit“ andauert.

 

Wie wird das Paradigma der „Informationsgesellschaft“ aussehen?

           

            Dies ist keine diagnostische, sondern eine prognostische Frage, auf die nur mit Wahrscheinlichkeitsaussagen geantwortet werden kann. Diese Aussagen müssen aus der Kenntnis des historischen Trends der Gesamtevolution gefolgert werden. Es genügt also nicht, allein das in der „Energiezeit“ erarbeitete Paradigma in die Zukunft zu extrapolieren, wie es gegenwärtig oft aus der persönlichen Erfahrung von einigen Jahrzehnten heraus getan wird. Es wäre nötig, die Geschichte von Jahrmillionen oder Jahrmilliarden als einen durchgängigen Schichtungsprozess zu begreifen, wobei von Schicht zu Schicht gesetzmäßig qualitative Änderungen ganz bestimmter Art auftreten. Die Informationszeit wird mit hoher Wahrscheinlichkeit keine bloße lineare Fortsetzung der Energiezeit, weder  ihrer positiven noch ihrer negativen Aspekte. Dennoch wird „unter“ der neuen Oberfläche „Altes“ atavistisch tradiert werden.

            Auch die energiezeitliche Entwicklung war vor ihrer Realisierung nicht vorhersehbar, ja weitestgehend unvorstellbar. Die antiken und mittelalterlichen Träume von individueller Kraftentfaltung realisierten sich technisch in einer ganz anderen Weise als vorhergeahnt. Die erträumten individuellen Dimensionen wurden in der Regel gesamtgesellschaftlich weit übertroffen, mussten aber auch teurer erkauft werden als es sich der „Zauberlehrling Mensch“ (vgl. Goethes Gedicht!) erhofft hatte. Sowohl die „Energien“ als auch die für ihre Freisetzung erforderlichen - nicht nur finanziellen - „Kosten“ hatten einen explosiven Charakter, mit dem fertig zu werden unsere naturhafte individuelle wie gesellschaftliche Intelligenz nicht ausreicht.

            Das Paradigma dieser Zeit umfasst auch die Utopien der „Aufklärungszeit“, den Glauben an eine parallel zur Kraftentfaltung mögliche Vernunftentfaltung. Die Parabel des Skeptikers Goethe vom Zauberlehrling hätte uns warnen können. Die Selbsttäuschung vom „vernunftbegabten Wesen“ war stärker. Der ungeheure Aufwand von 15 - 30 Jahre unentwegter „Schulung“ für Kinder und längst nicht mehr „Jugendliche“ und die Formel vom „lebenslangen Lernen“ haben das Defizit an Entwicklungsfähigkeit des naturhaften Verstandes nicht überzeugend bewußt gemacht. Was muß noch geschehen, um den Widerspruch zwischen technisch potenzierter power und naturbeschränkter Vernunft  deutlich zu machen?

            Versuchen wir, nüchtern zu erkennen, womit wir als „Menschheit“ unseren mit der Energieentfaltung erreichten „Fortschritt“ erkauft haben! Das muß nicht mehr im einzelnen aufgeführt werden, weil es bekannt ist oder sein müsste. Was in der Regel nicht als Manko wahrgenommen wird, ist das Ausmaß von individueller Dekadenz und Degeneration, ist die allgemeine körperliche und geistige Überforderung, der wir mit immer tieferer Persönlichkeitsspaltung (oder „Spezialisierung“), mit immer mehr gegenseitiger Abhängigkeit zu begegnen versuchen. Wir bezeichnen unsere Gesellschaft gelegentlich aufgrund reduktionistischer „Leitmerkmale“ auch als „Dienstleistungsgesellschaft“ und entwickeln den „Dienstleistungssektor“. Warum? Weil wir unsere menschliche (systemische) Autarkie oder Autonomie immer mehr verloren haben, weil wir im Grunde nur noch „Schmalspurmenschen“ sind, die auf Schritt und Tritt gestützt, geleitet, betreut werden müssen und wollen, die aus der Vielfalt der auf sie einstürmenden Signale nur noch einige „leitende“ Reize herausfiltern können. 

            In der Masse sind wir durch weitestgehenden Verzicht auf Entscheidungsfähigkeit und Entscheidungsrechte zu Mandanten, zu Klienten, Patienten, „Pflegefällen“ verkommen. Natürlich haben wir in den Industriestaaten die (ökonomischen) „Mittel“ dazu, können uns das (bisher noch) „leisten“. Aber „wir“ heißt längst nicht „wir alle“. Das betrifft nicht nur die stofflich-ökonomische Armut, sondern insbesondere die Defizite unserer naturhaften Informationsverarbeitung. Wir spüren die geistige Hilflosigkeit gewöhnlich nicht zuerst an uns selbst, sondern besonders auch an denen, die wir zu unseren Führern, Brotherren, Betreuern, vermeintlichen Partnern gewählt haben - und die uns ebenso brauchen, um abzocken zu können, die von uns parasitieren wollen wie wir von ihrer „geistigen Überlegenheit“, von ihrer „Führungsstärke“ parasitieren möchten. Wir bemerken ihr Nervenflattern oder die Hohlheit ihrer Versprechen und Prognosen.

            Meist reden wir uns gegenseitig gut zu: Das ist kein Parasitieren, sondern eine Symbiose zum beiderseitigen Vorteil! Beide Seiten gewinnen dabei - beschwichtigen wir uns. Aber wir haben keine Bilanzierungsmethode, weder für die gesellschaftlichen Wechselbeziehungen noch für die Beziehungen zwischen uns Menschen und dem, was wir allgemein als „die Natur“ bezeichnen - und von der wir nun wirklich mehr als gut ist parasitieren - ohne echte Gegenleistung. Wir merken nicht, wann wir auf die Verliererstraße kommen. Wir fühlen uns vielleicht auch dann noch als „Hans im Glück“. Die schwerste Last ist das „Selbst-entscheiden-müssen“, das Verantwortungübernehmen für die Entscheidungen und das daraus folgende Tun. Das haben wir an andere „delegiert“. Warum? Weil wir den Rhythmus „Informieren - Entscheiden - Handeln“ nicht (mehr) beherrschen. Niemand hat ihn und gelehrt - oder?

            Was sind die Ursachen dafür? Worin besteht der Grundwiderspruch zwischen unserem „Selbstbild“ als „Krone der Schöpfung“, als höchstentwickeltem Naturwesen und unserer immer offensichtlicher werdenden Überforderung?  Wie konnten wir zu dem „Konfliktwesen“ mutieren, als das wir heute nicht nur dem Psychiater erscheinen?

            Es bietet sich eine Erklärungsmöglichkeit an, die aus einer Gesamtschau der Zivilisationsentwicklung möglich wird[3]: Sieht man diese als einen Prozess an, in dem natürliche Grundeigenschaften des Menschen zunehmend durch Techniken unterstützt und erweitert (transformiert) werden konnten (vgl. die oben dargestellte Tabelle), so wird das Dilemma deutlich, in das wir uns mit der „Energiezeit“ hineinmanövriert haben. Es wurde technisch möglich, „Kräfte“ überproportional zu entfalten, während uns für „informationelle Transformationen“ im wesentlichen nur unser naturhaftes körpereigenes Organ (ZNS) zur Verfügung stand. Diese Diskrepanz wurde noch verschärft durch die Entwicklung technischer Wahrnehmungsmittel, durch die eine zunehmende Datenfülle produziert wurde, die in der Regel nicht mehr zu hochwertigen diagnostischen und prognostischen Modellen weiterverarbeitet werden konnte. Es blieb bis vor kurzem bei qualitativen Begutachtungen durch Experten für die „Auswertung“ von Röntgenbildern, EKGs, Labordaten usw. Der gleiche Sachverhalt bestand und besteht etwa bei der Verarbeitung von naturwissenschaftlichen, ökonomischen, „politischen“ und anderen Daten, die zwar mit großem Aufwand gesammelt und archiviert, aber nicht mehr zu gesamtgesellschaftlichen (politischen) Problemlösungen weiterverarbeitet werden konnten.

            So entstand eine hierarchische vertikale Schichtung in „verantwortliche Entscheidungsträger“ und weitgehend entmündigte und von Mitverantwortung „befreite“, auf Führung und Dienstleistungen aller Art angewiesenen „Massen“, die nicht mehr wie in der menschlichen Frühzeit „multifunktionell“ handeln konnten. Die Menschheit war und ist der selbstgeschaffenen Zivilisation biologisch nicht mehr gewachsen, wurde von ihr „überrollt“ und steht wie Goethes Zauberlehrling vor einer rasch auf sich zukommenden Katastrophe. Das gemeinsame diagnostische Hauptmerkmal von „Eliten“ und „Massen“ heißt „intellektuelle Überforderung“.

            Wir werden die Möglichkeiten der technischen Informationstransformation nutzen müssen, um diesen Trend zu stoppen - nicht um ihn bis zum „point of no return“ weiter eskalieren zu lassen. Es erscheint aus momentaner Sicht nahezu aussichtslos, diese Einsicht an Zeitgenossen zu vermitteln, die von ihrer „Stärke“ und „Macht“ so überzeugt waren und sind wie wir. Erst seit das Dilemma der Kriseneskalation auch in den Zentren des Wohlstandes und der Stabilität mehr und mehr spürbar wird und die gerufenen Geister nicht mehr verdrängt werden können, breitet sich Unruhe aus. Noch überwiegt der Irrglaube, dass „stärkere Führer“, ein Machtwechsel, Rettung bringen könnten.

            Dieser Glaube an elitäre „Führungskräfte“ hat uns Deutsche innerhalb eines Jahrhunderts in zwei mörderische Kriege hineinmanövriert. Der begonnene (weltweite) wirtschaftliche Kollaps dürfte noch weit schlimmere Auswirkungen haben - wenn wir uns nicht schnellstmöglich und kollektiv um ein Paradigma bemühen, das es uns ermöglicht, in allen wichtigen gesellschaftlichen Fragen kollektiv mitzuentscheiden und Mitverantwortung zu übernehmen und zu tragen. Bloße Appelle an individuelle Einsicht und Vernunft erscheinen nach jahrhundertelanger Überstrapazierung dieser „Strategie“ fast aussichtslos. Der Glaube an die „Selbstheilungskräfte“ eines wie auch immer gearteten „Marktes“, der jetzt eher „Mode“ ist, ist einer Spezies, die sich als vernunftbegabt bezeichnet, unwürdig. Das gilt besonders auch für die gegenwärtig vom Kapital praktizierte strategische Variante der Globalisierung des (Finanz-)Marktes. Was ist also praktisch und jetzt zu tun? Es gibt kein fertiges Rezept, kein fertiges Paradigma. Es muß in kollektiver Anstrengung erarbeitet werden.

            Das Problem liegt in der Integration von Individualisten, in der Fokussierung der geistigen Produktion auf das kollektive Ziel: Bewahrung der Biosphäre als vielschichtige Lebensgrundlage, also als Ökosystem. Das ist eine Aufgabe, für die der Volksmund allgemein die Metapher vom Flöhehüten verwendet. Es scheint, als müßten wir auch diese Kunst bald (wieder) erlernen.

 

Ernst Schlegel    26.04.97

 

 

 

 

 

 



[1]Die Bezeichnung ist etwa identisch mit „Industriezeit“ oder „Kapitalismus“, jedoch besser in ein „Begriffssystem“ einzuordnen; s. Tabelle weiter unten

[2] F. Capra: Wendezeit.- dtv 11485.- München 1991

[3] vgl. E. Schlegel: Zur Zivilisationsgeschichte.- In SOFT SOCIETY; Eine internationale Konferenz über die kommende Informationsgesellschaft; Arbeitskreis Informationsgesellschaft der Humboldt-Universität zu Berlin.

S. 52-64. Berlin 1997.