Transformationsforschung und Selbsttransformation der Wissenschaften

Versuch, sich einer allgemeinen Theorie der Eigenschaften und Verhaltensweisen

sozialer Systeme zu nähern

 

Ernst Schlegel

 

Am Beginn unserer Geschichte wollten wir wissen, WAS wir tun können.

Jetzt müssen wir wissen, WARUM wir es tun

 

               Sozialwissenschaftliche Forschung in Ostdeutschland bemüht sich gegenwärtig u. a. um eine "Modellierung" des Sachverhaltes Transformation realsozialistischer Systeme Osteuropas zu marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaftssystemen (vgl. Reißig 1994). Eine derartige "Modellierung" stößt auf Schwierigkeiten, sofern sie nicht in präexistierende Modelle größerer Allgemeinheit eingeordnet oder zu ihnen in Beziehung gesetzt werden kann. Hierbei gibt es aber offensichtliche Probleme. Nach dem bisher weitgehend akzeptierten, relativ globalen Modell des dialektischen und historischen Materialismus würde es sich um eine Transformation "Sozialismus" --> "Kapitalismus", also um einen entwicklungsgeschichtlichen Rückschritt handeln. Ein als wissenschaftlich zu bewertendes Modell, wonach diese Transformation als "Fortschritt" eingestuft werden könnte, gibt es m. W. nicht.

               Es mag deshalb von Interesse sein, einige allgemeinere Modellentwürfe anzubieten, die zwar in anderem Zusammenhang und z. T. an anderen Gegenstandsbereichen gewonnen wurden, die aber das ausdrückliche Ziel verfolgten, zu größtmöglichen Verallgemeinerungen zu gelangen und für alle interessierenden Systeme und Prozesse gültig zu sein. Diese universelle oder doch globale Zielsetzung ist natürlich nur unter Einbeziehung großer Räume und langer Zeiten zu bewerkstelligen und erfordert eine sehr lange Bearbeitungsdauer, sofern sie von einem einzelnen Bearbeiter vorgenommen werden muß. Als "wissenschaftliche Standardmethode" ist sie selbstverständlich unakzeptabel.

 

Über Systemtransformationen

 

           Aus Sicht von Beobachtern gesellschaftlicher Sachverhalte überlagern sich gegenwärtig eine Reihe von unterschiedlichen Transformationsprozessen. Für den europäischen Beobachter erscheint vor allem die Rückkehr zentralistischer, hochintegrierter Staaten zu stärker pluralistischen, liberalen, "demokratischen", also differenzierten Staats- und vor allem Wirtschaftsformen augenfällig.

            Aus der Sicht dieses "freien Teiles der Welt", besonders also der Industriestaaten der N-Hemisphäre, mehren sich Anzeichen einer tiefgreifenden "strukturellen Krise", die ebenfalls mit + spontanen Transformationsprozessen einhergeht. Diese Transformationen besitzen Merkmale eines "Formationswechels" von einer "Industrie-" zu einer "Informationsgesellschaft".

           Aus globaler Sicht mehren sich die Anzeichen einer "allgemeinen Existenzkrise der menschlichen Gesellschaft", die durch schwere Disproportionen zwischen "Zivilisation" und "natürlicher Umwelt", durch Bevölkerungsexplosion, Ressourcenverbrauch, Umweltbelastung und -zerstörung usw. gekennzeichnet ist. Den nötigen Transformationen liegen vorerst nur recht heterogene Modellvorstellungen zu Grunde.

            Sie beruhen vor allem auf "stofflichen" und "energetischen" Aspekten. Wichtiger ist jedoch möglicherweise ein "informationeller". Diese Behauptung ist angesichts der gegenwärtigen "Prägung" der zeitgenössischen Gesellschaft, vor allem aber vieler Politiker und Wissenschaftler, schwer zu beweisen, muß aber versucht werden. Zunächst sei nur vermerkt: Das natürliche "Informationsverarbeitungssystem" der menschlichen Individuen und das darauf basierende gesellschaftliche Informationsverarbeitungssystem (z. B. Wissenschaften und Medien) haben die bisherigen, auf einigen wenigen "Grundtechnologien"  beruhenden Gesellschaftstransformationen (s. u.) nicht synchron mitvollzogen. Die "Produktionsebene Informationstransformation" kann deshalb den Bedarf der Gesellschaft an (entscheidungsfördernder) Information qualitativ nicht decken. Die Differenzierung der modernen Gesellschaft bis an den Rand des Chaos ist vor allem eine Folge ihrer "geistigen" Differenzierung, der fehlenden Bereitschaft oder Fähigkeit, die EINHEIT IN DER VIELFALT noch zu erkennen und zu berücksichtigen. Die Zivilisationsgesellschaft der Gegenwart ist insgesamt mit dem von ihr selbst erzeugten, weitestgehend anthropogen veränderten zivilisatorischen Umfeld geistig überfordert. Sie hat sich zunehmend selbst differenziert in "mündige", machtausübende Oberschichten und weitgehend entmündigte Unterschichten. Es hat sich ein System "vertikaler", oft parasitärer Abhängigkeiten herausgebildet. Dies Problem muß und kann wahrscheinlich mit Hilfe der erst im Ansatz entwickelten "technischen Informationstransformation" besser erkannt und gelöst werden. Die zur Verfügung stehende Zeit ist allerdings extrem kurz.

 

System und Modell

 

             Die besondere Qualität der Gattung Homo gegenüber evolutionär älteren Tiergattungen besteht zweifellos in ihrer Fähigkeit zur Informationstransformation, wobei ein "Modell" eines "Gegenstandes" als „Output" „produziert" werden kann. Im Laufe der individuellen wie der stammesgeschichtlichen Entwicklung verändert sich dieser Transformationsprozeß erheblich und mit ihm seine Produkte. Individuelles "inneres" und gesellschaftliches "extrasomatisches Modell" ("Weltbild") entwickeln sich im ständigen Wechsel von Differenzierung und Integration, von Analyse und Synthese.

            Auf einer ersten Zivilisationsstufe gelangen vor allem "strukturelle Transformationen" oder Umgestaltungen. "Gestalten" (und damit zusammenhängende Begriffe, z. B. auch "Transformation" oder "Metamorphose") bilden die ersten "materiellen" und "ideellen" Produkte.

           Auf diese langdauernde Frühzeit der "Gefügetransformation" (Gefüge etwa gleich Struktur, Bau von Körpern) folgte in Teilen Eurasiens vor + 5000 Jahren die Zeit der "Stofftransformation", in der die Doppelnatur von Körpern als Einheit von Stoff und Gefüge oder Inhalt und Form erkannt wurde (z. B. durch die klassische griechische Philosophie).

           Schließlich wurde dieser Körperbegriff in der europäischen Neuzeit durch die Erkenntnis bereichert, daß Körper von nichtkörperlichen Feldern umgeben und durchdrungen sind, mit denen sie eine komplementäre System-Einheit bilden.

           Zunächst wurden Felder vorwiegend "energetisch" verstanden (vgl. "Kraftfeld"). Heute scheint es unumgänglich, Felder als komplementäre Einheiten von Energie und Information zu verstehen.

          Diese historisch gewachsene (gesamtgesellschaftliche) Erkenntnis kann in folgender Weise als Systemmodell veranschaulicht werden:

 

                                                                      Information

                                                Feld              

                                                                      Energie

                        System                                                                                                  (1)

                                                 Körper               Stoff (Inhalt, Substanz, Substrat)

                                                               

                                                                         Struktur (Gestalt, Gefüge, Bau).

 

               Die Viererfolge Gefüge --> Stoff --> Energie --> Information ist in vielfältiger Weise in der systemisch organisierten Welt wiederzufinden. Das Modell widerspiegelt vor allem den statisch-räumlichen Aspekt der Realwelt. Der dynamisch-zeitliche kann jedoch eng damit verknüpft werden, wenn man das Systemmodell zu einem System-Prozeß-Modell transformiert (2).

            Die biologischen Grundlagen für die Transformation Sachverhalt --> Modell wurden in vorgesellschaftlichen Entwicklungs- oder Transformationsprozessen gelegt. Die zivilisatorischen Grundlagen des heutigen gesellschaftlichen Prozesses der Informationstransformation entstammen der "Gefügezeit" und weisen deren begrenzte Möglichkeiten auf. Dazu gehört vor allem die simple Linearität der Sprache, die der Komplexität der "vernetzten" Sachverhalte nur schwer gerecht wird. Die Linearschriften bauen darauf auf, nutzen aber die in der nachfolgenden "Stoffzeit" entwickelte Fähigkeit zur Analyse/Zerlegung (Lautzeichenschrift!). Körperlichkeit und mehr noch Systemcharakter der Realwelt könnten nur durch Mehrdimensionalität adäquater modelliert werden. Das gelingt mit Hilfe von "Kunstgriffen" nur zum Teil, etwa durch ikonische Abbildung (Grafik), Metaphern, audiovisuelle Darstellung (Film),  Mathematik oder - Musik (Mehrstimmigkeit, Partituren). Die dabei + intuitiv vorgenommenen Transformationen beruhen z. T. auf Fähigkeiten, die in tieferliegenden Schichten des individuellen Informationsverarbeitungssystems angelegt sind und "reaktiviert" werden können.

            "Modelle" sind aus "Modulen" zusammengesetzt. Die Produktion dieser Module im Verlaufe von etlichen Jahrhunderttausenden war ein in seiner Zwangsläufigkeit oder Gesetzmäßigkeit bisher noch kaum überschaubarer Prozeß.

 

Ein mögliches System-Prozeß-Modell von Mensch und Gesellschaft

 

           Abb. (2) stellt vier Grundeigenschaften und Grundprozesse (auch Grundverhaltenweisen) der Systeme Mensch und Gesellschaft dar. Es soll verdeutlicht werden, daß es sich um ein "Mehrschichtmodell" handelt, in dem sich reale Systemmerkmale einigermaßen "logisch" und umfassend widerspiegeln.

            Die Systeme Mensch und Gesellschaft besitzen spezielle Organe oder Teilsysteme, deren Funktion es ist, bestimmte Grundprozesse auszuführen. Diese "Arbeitsteilung" ist offensichtlich unerläßlich für die Existenzweise eines (lebenden) Systems.

 

 

 

(2)

          Bei historischer Betrachtung zeigt sich, daß der angedeutete Schichtaufbau als historische Abfolge (von unten nach oben) verstanden werden kann. Zwar ist die Gleichzeitigkeit des Wirkens aller vier Teilfunktionen Voraussetzung für das Bestehen eines Systems. Aber es sind qualitative Unterschiede der einzelnen Ebenen möglich, durch die die jeweilige historische Qualität des Gesamtsystems bestimmt wird. Damit ist das Problem der historischen Gesellschaftsformationen verbunden.

 

 

Historische Gesellschaftsformationen

 

             Die bisher andeutungsweise entwickelten Modellvorstellungen für Systeme im allgemeinen und Mensch und Gesellschaft im besonderen ermöglichen auch die Demonstration der historischen Abfolge bestimmter Gesellschaftsformationen. Im Modell des "historischen Materialismus" wurden sie als "ökonomische Gesellschaftsformationen" bezeichnet.

            Die Formationen sind in der Grafik (3) als Spalten 1 - 4 eingetragen. Die Zeilen G - S - E - I bedeuten die bereits kurz beschriebenen vier Grundverhaltensweisen.

           In der ältesten und 1. historischen Gesellschaftsformation ("Urgesellschaft" oder "Steinzeit") war nur die Gefügetransformation "technisiert"; in der 2. zusätzlich auch die Stofftransformation (beginnend mit der Bronze- oder Metallzeit). In der 3. kam die technische Energietransformation als neue Technologie hinzu (Industrie- oder Energiezeitalter). Gegenwärtig erleben wir den Übergang zur technischen Informationstransformation oder in die Informationsgesellschaft.

            Das Repertoire der Transformationsmöglichkeiten von Systemen ist damit grundsätzlich erschöpft. Die Zivilisationsentwicklung "vollendet" sich mit dieser letzten Formation. Es kann der menschlichen Gesellschaft damit gelingen, alle vier Grundverhaltensweisen aus einem Naturprozeß in einen mehr oder weniger technisierten zivilisatorischen Prozeß zu transformieren - allerdings unter weitgehendem Verlust von Ursprünglichkeit und Natürlichkeit.

 

(3)

         Die Gesellschaft hat dabei auch die ursprüngliche Biosphäre schrittweise okkupiert, transformiert und zerstört. Mit diesem Sachverhalt gilt es, fertig zu werden. In der Graphik ist angedeutet, daß auf die Ära der vier Transformationen eine Ära der "Reformation", also der Rückformung der Gesellschaft in einen global verträglichen Zustand folgen müßte, wenn dem System menschliche Gesellschaft an seinem Fortbestand gelegen wäre.

 

Wie verhält es sich mit einer "Gesellschaftsformation Sozialismus"?

 

             Grundsätzlich besteht zwischen den hier angedeuteten "historischen" und den vom historischen Materialismus favorisierten "ökonomischen Gesellschaftsformationen" kein unlösbarer Widerspruch. Jedoch dürfte das Modell der historischen Formationen dem Wesen gesellschaftlicher Sachverhalte, ihrem "ganzheitlichen" Systemcharakter, näher kommen als das der "ökonomischen Formationen". 

           Die Bezeichnung "historische Formation" charakterisiert einen über längere Zeit stabilen, sich gesetzmäßig ändernden qualitativen Zustand des Gesamtsystems Gesellschaft. Die Gesamtgesellschaft gehört zu einem bestimmten Zeitpunkt also der gleichen historischen Gesellschaftsformation an. In den Übergangszeiten, den Transformationsphasen, in denen sich der "qualitative Umschlag" vollzieht, ist eine "exakte Grenzziehung" natürlich ausgeschlossen. Generell koexistieren in einer historischen Gesellschaftsformation Elemente unterschiedlicher zivilisatorischer "Qualität".

             Mit den "ökonomischen Formationen" werden dagegen nur bestimmte (typisierende) ökonomische Parameter berücksichtigt (z. B. "Produktivkräfte" und "Produktionsverhältnisse"). Sie bezogen sich also im Grunde stets auf Teilsysteme oder Teilfunktionen der Gesellschaft. Die Gesellschaft unserer Zeit war beispielsweise nach der gängigen Vorstellung in koexistierende "vorfeudale", "halbfeudale", "kapitalistische" und "sozialistische Formationen" gespalten, was vom Standpunkt einer typologischen Beschreibung prinzipiell richtig ist, aber nur schwer systemisch interpretiert werden kann. Bekanntlich ist der prognostizierte "Sieg des Sozialismus im Weltmaßstab" nicht eingetreten - und kann nicht eintreten (s. u.).

            Das in (3) vorgestellte Schichtmodell löst das Problem insofern, als es die generelle Koexistenz von vier Grundverhaltensweisen zu jedem Zeitpunkt der zivilisationsgesellschaftlichen Existenz demonstriert. Wichtig ist jedoch, welche Ebene der technischen Transformation von der Gesamtgesellschaft zu diesem Zeitpunkt erreicht wurde. Die regionalen Unterschiede (ökologische Nischen usw.), die Ungleichzeitigkeiten bei der Erreichung einer neuen Ebene durch regionale Teilsysteme, sind dabei nicht wesentlich.

            Es ist möglicherweise für das Verständnis hilfreich, daran zu erinnern, daß Marx seinen Formationsbegriff in Anlehnung an eine zeitgenössische Bezeichnungsweise der Geologie gewählt hatte. Auch im geologischen "Transformations-" oder Sedimentationsprozeß sind zeitgleiche Bildungen nicht petrographisch/stofflich gleichartig. Die Geologie bedient sich deshalb des komplementären Begriffspaares Formation/Fazies. Der Formationsbegriff ist seither relativ eindeutig als Zeitbegriff akzeptiert (vgl. "Formationstabelle"!), während der Faziesbegriff das auf petrographischen oder anderen Beobachtungsmerkmalen beruhende, von der Bildungszeit unabhängige "Erscheinungsbild" modelliert. So kommen Sandstein-,  Kalkstein-"Fazies" usw. als Bildungen bestimmter Ablagerungsräume in unterschiedlichen Zeitformationen vor.

             Es dürfte zweckmäßig sein, diese Raum/Zeit-Dialektik auch in den Sozialwissenschaften zu beachten. Konkret: Die Bezeichnungen Sozialismus und Kommunismus sind ihrem Wesen nach auf Sachverhalte bezogen, die nicht historisch auf bestimmte Formationen beschränkt sind. Sie betreffen offensichtlich eine gesellschaftliche Integrationstendenz, die Betonung der relativen Gleichheit aller Elemente der Gesellschaft. Dies im Gegensatz zur (Über-) Betonung ihrer Ungleichheit oder Differenziertheit durch Pluralismus und andere am Prinzip "divide et impe­ra" interessierte Richtungen. Die Beschränkung eines Beobachters auf "typische" Unterscheidungs- oder Leitmerkmale (Variablen) war und ist in der energiezeitlichen Gesellschaft, also auch in den Wissenschaften, verbreitet.

              Die Komplementarität von Differenzierung und Integration ist jedoch unabdingbar für alle systemischen Prozesse. "Sozialismus" und "Pluralismus" sind folglich über Formationsgrenzen hinwegreichende und koexistierende "Fazies" (mit entgegengesetzten Zielmodellen und Strategien), keine "Formationen" - wenn Bezeichnungen wie diese einen Sinn haben sollen. Ohne Berücksichtigung der Komplementarität auch in der Begriffsbildung ist kaum eine Verständigung über "dialektische Sachverhalte" möglich!

            Der Widerstreit von Differenzierung und Integration, erkennbar in der Entwicklungsgeschichte aller Systeme aller Zeiten, wird also auch in der nächsten Gesellschaftsformation nicht "definitiv" gelöst, wohl aber auf eine neue Ebene gehoben werden.

           Für die "Informationsgesellschaft" wird wahrscheinlich nicht die "Eigentumsfrage" im Vordergrund stehen, sondern die Meisterung der Grundverhaltensweise "Informationstransformation". Und das wird neue Formen des gesellschaftlichen Rhythmus´ Informieren - Entscheiden - Handeln  nötig und möglich machen. Generell wird die Möglichkeit bestehen, die Einheit des zur Zeit besonders hinsichtlich der individuellen Informationsverarbeitung differenzierten Gesellschaft wieder herzustellen, ihre gesellschaftliche Gespaltenheit zumindest grundsätzlich zu "harmoniseren".

 

Vom "Tierstadium" zur "zivilisatorischen Vollendung"

 

             Der gegenwärtige Zustand der Gesellschaft weist neben positiven zahlreiche negative Züge auf. Biologische Degeneration, moralische Dekadenz, schizoide Verhaltensformen, Perspektive- und Ausweglosigkeit, psycho-physische Überforderung, Rückfall in vorzivilisatorische Triebhandlungen, wirtschaftliche Fehlentwicklungen usw. sind nur einige der "Diagnosen". Die Ergebnisse einer ansatzweisen Gesellschaftsprognostik sind eher noch negativer. Der "wissenschaftliche Wert" solcher auf unzulänglichen Kenntnissen der Geschichte und Methodik der Informationstransformation beruhenden Behauptungen ist nicht allzu groß.

 

 

 Systemeigenschaften

 Mensch

Zivilisation

Biosphäre

                 Information

"Vernunftentfaltung"

Informationszeitalter

Menschenwelt/Anthropogen

Feld

 

 

 

                 Energie

Kraftentfaltung

Energiezeitalter

Tierwelt/Zoogen

 

 

 

                                             

                 Stoff

stoffliche Reife

Stoffzeitalter

Pflanzenwelt//Phytogen

Körper

 

 

 

                Gefüge

Gestaltgewinnung

Gefügezeitalter

Mineralwelt/Minerogen

 

 (4)

 

Es besteht vielmehr Anlaß, der Gesellschaft durchaus noch Entwicklungschancen einzuräumen. Abb. (4) versucht, die drei Systemtypen Mensch, Gesellschaft und Biosphäre und ihr evolutionäres Grundmuster miteinander zu korrelieren.

             Es zeigt sich, daß die Zivilisationsgesellschaft mit der Energiezeit ein der "Tierwelt" vergleichbares Entwicklungsstadium erreicht hat. Dessen qualitative Hauptmerkmale sind "Kraftentfaltung", "Power", "Action" als dominante Werte bei noch unzureichend entwickelter Informationsverarbeitung.

            Die "naturhafte", noch nicht technisierte individuelle und gesellschaftliche Informationsverarbeitung weist noch viele Züge des "Tierhaften" auf. Ja, diese "Tierhaftigkeit" gerät infolge der technisierten "Powerproduktion" zu einer überdimensionierten, durch naturhaften Verstand nicht zu optimierenden Asymmetrie. Während Power, z. B. in Form des Autos oder als automatische Waffe, praktisch individuell frei verfügbar geworden ist, wird die verfügbare Rationalität durch die hochdifferenzierte Zivilisation zunehmend überfordert. Individuell führt das zu immer stärkerer Degeneration, d. h., zu Rückfällen in reflexhafte, instinktive, triebgesteuerte Verhaltensweisen. Gesellschaftlich wird versucht, die Mängel der individuellen Informationsverarbeitung durch immer stärkere gesellschaftliche Differenzierung aufzufangen (Elitenbildung durch "Überschulung", "Dienstleistungssektor", Entscheidungs- und Verantwortungsdelegierung an "Mandatsträger", Berater, "Führungskräfte"; Risikoversicherung, "Verschlankung" usw.).

            Dabei werden weitere charakteristische Merkmale der "Tierwelt", die "vertikale Rangordnung" und der Parasitismus, bis zur drohenden biologischen Spaltung in "Über-" und "Untermenschen", in Eliten und Massen, "kultiviert".

            Die Dinge so oder ähnlich zu sehen, heißt, ein neues Problembewußtsein zu entwickeln! Vor allem im Bereich der Sozial- oder Gesellschaftswissenschaften sollte man Verständnis für diese Sicht der Fakten erwarten dürfen.

             Aus diesem Problembewußtsein heraus sind PROGNOSTISCHE MODELLE der Gesellschaftstransformation von der energiezeitlich geprägten zur informationszeitlich geprägten Gesellschaft zu erarbeiten. Dies wird nur unter Überwindung der "vortechnischen Informationsproduktion" in den zeitgenössischen Wissenschaften möglich sein. Die gegenwärtig noch vorwiegend praktizierte "Produktionsweise" der Wissenschaften ist die der "einfachen Kooperation" von "Experten". Die dadurch zu erzielende gesellschaftliche Wirkung, der unmittelbare Einfluß auf das Verhalten von fast 6 Milliarden Individuen, ist unzureichend. Der Wert der naturhaften "Vernunft", seit dem Beginn der "Aufklärung" visionär verklärt, ist Utopie geblieben. Die "geistigen Eliten", die "Führungskräfte" der Nationen, haben, geblendet vom Irrglauben an Energie, Kraft, Macht, ihre eigene Überforderung nicht wahrgenommen. Hier ist verstärkt "Selbsttransformation" nötig!

 

"Selbsttransformation" der Wissen produzierenden Systeme

 

           Die letzte Rettungsstrategie der überdimensionierten Industriegesellschaft besteht in der versuchten Rückanpassung der durch triebhafte "erweiterte Reproduktion" hypertroph gewordenen gesellschaftlichen Teilsysteme an die begrenzten Möglichkeiten des naturhaften Verstandes. Dieser hält keine anderen Erklärungsmodelle bereit, die das Versagen der in der Anfangsphase der Energiezeit so "erfolgreichen" Wachstumstendenz plausibel machen könnten.

           Der Leitsatz dieser Zeit war einfach: Mit Energie/Kraft/Stärke/Dynamik ist alles machbar!

              Dieser Satz galt in gleicher Weise für die gesamte historische Gesellschaftsformation "Energiegesellschaft", also auch für deren sozialistische Variante bzw. "Fazies". Während diese durch Überzentralisierung einen unproportional hohen Bedarf an "Leitungskadern" entwickelte, um die zentrale Kontrolle und Steuerung einigermaßen zu gewährleisten, versuchte das "pluralistisch-kapitalistische" Teilsystem durch "Verschlankung" mit der Disproportion von Systemgröße und Führbarkeit fertig zu werden: Zu große Systeme werden (z. T.) auf eine besser zu managende Größe zurückgenommen.

              Der Zusammenbruch des Realsozialismus in Europa und die Verschlankungstendenzen des "Kapitalismus" (was auch den partiellen "Abbau des Sozialstaates" einschließt) sind gewissermaßen Alterserscheinungen der "Energiezeit". Ihnen gesellen sich die "Geburtswehen" der neuen "Informationszeit" hinzu.

              Sie äußern sich in der Freisetzung großer Teile der Industriearbeiterschaft (strukturelle Arbeitslosigkeit). Diese ist vor allem dadurch bedingt, daß die Kontrolle, Steuerung und Manipulation der Maschinen nicht mehr durch Träger (begrenzt geforderter) natürlicher Intelligenz, die Industriearbeiter, erfolgt, sondern sprunghaft durch "informationsverarbeitende Technik", durch Computer und computergesteuerte Roboter aller Größenordnungen.

             Der Kumulationseffekt von Alterskrise der Energiezeit und Geburtswehen der Informationszeit bedarf dringend einer diagnostischen und prognostischen Modellierung. Dabei ist davon auszugehen, daß die "ökologischen Nischen", aus denen heraus "Gesellschaftsmodellierung" bisher im Rahmen von "Expertenkulturen" betrieben wurde, durch die Technisierung der Informationstransformation mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verschwinden werden. Informationstransformation kann zu einer gesamtgesellschaftlichen Pra­xis werden. Über die technische Vernetzung können alle "Datenproduzenten" für  die Modellierung genutzt werden. Die eigentliche wissenschaftliche Aufgabe wird dann in der "Datenverarbeitung", der Transformation zu Modellen mit Gebrauchswert, bestehen. Das wäre zweifellos sinnvoller als die gegenwärtig praktizierte "konsumtive Energietransformation" auf Autobahnen und Landstraßen - und anderen "Kampffeldern", die durch eine ähnliche konsumtive, durch "moderne Medien" vermittelte "Informationstransformation" stimuliert und nicht gebremst wird.

            Worauf es ankommt, ist, bewußt zu machen, daß der Gesamtprozeß der naturhaften indivi- duellen und gesellschaftlichen Informationsverarbeitung in seinen wesentlichen Merkmalen erkannt und technisch transformierbar gemacht wird. Dabei ist dieser Prozeß von einer mehr oder weniger "künstlerisch-individualistischen" Form in eine "massenhaft" anwendbare Form zu transformieren. Die Mitglieder der Gesellschaft müssen in ihrer Mehrheit die Einheit Informieren - Entscheiden - Handeln  ebenso beherrschen wie jetzt die Bedienung eines Autos oder anderer Maschinen und Apparate.

             Es ist klar, daß damit neue Konzepte gesellschaftlicher Systeme und gesellschaftlichen Verhaltens nötig werden. Die "vertikale" Differenzierung in entscheidungsfähige oder machtausübende und entmündigte, entscheidungsunfähige Gesellschaftsschichten kann überwunden werden. Dazu müssen vor allem die "Produkte" der Informationsverarbeitung in neue Formen gebracht werden. Die energiezeitliche Tendenz, immer spezielleres Wissen zu produzieren, muß durch Methoden der Integration ergänzt werden. Wissen ist weder Macht- noch Genußmittel, sondern Grundlage für verantwortungsbewußtes Entscheiden jedes einzelnen Menschen. Das muß und kann wieder möglich werden, vorausgesetzt, es gelingt, Quantität in Qualität zu transformieren..

             Der Mensch bleibt biologisch ein Naturwesen, eingereiht in die GESETZMÄSSIGE Transformationsfolge Mineralwelt --> Pflanzenwelt --> Tierwelt -->Menschenwelt. Aber die Menschenwelt ist "Zivilisationswelt", in der eine analoge Transformationsfolge als technologische Entwicklung wiederholt wird. Ihr letztmögliches Stadium ist das der "technischen Informationstransformation". Es kann dem Gesamtsystem Menschengesellschaft die Einsichten in Verhaltenstransformationen vermitteln, die für ihren Fortbestand als Teilsystem der irdischen Biosphäre erforderlich sind.

             Im übrigen ist die in der "Energiezeit" (eurozentristische Industriegegesellschaft) vielfach einseitige Orientierung auf Transformation, Veränderung, Fortschritt dialektisch zu "negieren": Verändern und Bewahren, Transformieren und "Konsolidieren" sind (annähernd) komplementäre Kategorien. Wo diese Komplementarität nicht erkannt wird und deshalb nicht im dynamischen Gleichgewicht gehalten werden kann, bilden sich Asymmetrien heraus, die zu Konflikten führen, die bis zur Systemzerstörung eskalieren können. Die Marxsche Feuerbachthese über die Notwendigkeit zur Veränderung der Welt war letztlich halbdialektisch und orientierte bestenfalls halbrichtig. Auch die einseitige Orientierung auf "Systemtransformationen" vermehrt also die Konflikte und löst sie nicht.

 

 

Rechtfertigungsversuch

 

             Die Ankündigung, sich einer allgemeinen Theorie der Eigenschaften und Verhaltensweisen sozialer Systeme nähern zu wollen, ist natürlich eine bewußt formulierte Provokation (im Wortsinne einer Herausforderung). Betrachtet man den theoretischen Gehalt von Dekreten, Gesetzen, Vorschriften, Befehlen usw., auf deren Grundlage Eigenschaften und Verhaltensweisen sozialer Systeme praktisch "transformiert" werden, so kann die hohe Irrtumswahrscheinlichkeit derartiger Versuche nicht verwundern. Sie wird ja auch "theoretisch" gerechtfertigt durch Bezeichnungen wie "Methode Versuch-Irrtum" - obwohl zumindest auch Teilerfolge, also nicht nur Irrtümer, dabei vorkommen oder wenigstens angestrebt werden.

              Zu den auffallendsten Indizien für die Unzulänglichkeit der "Modelle", die den in der neueren Geschichte versuchten gesellschaftlichen Großtransformationen zu Grunde lagen, gehören die Systemzusammenbrüche von 1917/18, 1945 und um 1989. Es handelte sich dabei um "energiezeitliche" Modelle, deren Kern die zeitgeprägte "Kraftgläubigkeit" bildet. Auf der Grundlage von zeitbedingten halbrichtigen Befundinterpretationen oder halbdialektischen Diagnosen konnten keine hochwahrscheinlichen prognostischen Modelle (Ziele und Strategien) abgeleitet werden. Wo dennoch Teilerfolge erzielt wurden, wurden sie mit ungerechtfertigt hohem (Kraft-) Aufwand bezahlt. Dies gilt für das Deutschland von 1933-45, für das "sozialistische Weltsystem" seit 1917 und - in kleinerem Rahmen - auch für das Deutschland von 1989 bis heute.

              Inzwischen münden diese "kleineren", i. w. auf Europa konzentrierten Crashs in eine allgemeine globale Krise ein, die jedoch vorwiegend mit den Zielen und "Erfolgsstrategien" der jüngeren Vergangenheit versuchsweise "bekämpft" wird. Die "Wirtschaftsgroßmacht Europa" und die "Bewahrung des Wirtschaftsstandortes Deutschland" gehören dazu.

              Es wurde versucht zu begründen, warum der Ausweg für das Gesamtsystem "menschliche Gesellschaft" auf dem Gebiet der "technischen Informationsverarbeitung" liegen dürfte. Die nötigen Änderungen des Gesamtverhaltens unserer Spezies werden nur durch Änderungen der Entscheidungsfähigkeit und -willigkeit der Mehrheit ihrer Individuen möglich sein, also durch "Verwissenschaftlichung" des gesellschaftlichen Lebens. Wissenschaft von heute und von morgen werden sich dabei etwa so unterscheiden wie "gesellschaftliche Energie" im Mittelalter und in der Neuzeit. Die Lösung dieses Problems dem Selbstlauf, der Selbstregulierung durch Marktmechanismen zu überlassen, wäre einer Milliardenpopulation von Lebewesen UNWÜRDIG, die sich selbst als VERNUNFTBEGABT bezeichnet. Die Richtigkeit dieser Selbstbezeichnung gilt es zu beweisen. Vorerst ist sie es nicht! Mit Vernunft kann nur kollektive Vernunft gemeint sein. Sie ist keine "Chefsache", keine "Parteiangelegenheit", kein "Expertenthema", sondern eine Sache aller Menschen, eine Angelegenheit, die keinen Zeitverzug mehr duldet.

            Einige "Module" für ein umfassendes System-Prozeßmodell der "Gesamtgesellschaft" wurden hier vorgeschlagen. Sie mögen unzulänglich sein. Aber vielleicht sind sie verbesserungswürdig und in kollektiver Arbeit auch relativ kurzfristig zu verbessern.

 

Literatur

 

Reißig, R., 1994: Transformation - theoretisch-konzeptionelle Ansätze, Erklärungen und Interpretationen.- BISS public 15,  S. 5 - 43.

 

Veröffentlicht in: BISS public 20, S. 105-118, Berlin 1996