Unter welchen Bedingungen
sind soziale Gleichheit und politische Freiheit vereinbar?
Es gab eine Zeit, in der Wort und Schrift als „heilig“ galten. Beiden kam eine große gemeinschaftsbildende und handlungskoordinierende Bedeutung zu. Seit der Erfindung des Buchdrucks, dem frühen künstlichen „Klonen“ von Information, ist diese Form des Kommunizierens zunehmend inflationär entwertet worden. Es ist an der Zeit, die Art und Weise unserer Informationsproduktion und Konsumtion gründlich in Frage zu stellen. Was bewirken wir noch mit den üblich gewordenen Essays, Feuilletons, Stories usw., aber auch mit den Kurznachrichten, Werbespots, Postern, Breitwandreklamen? Was wäre nötig, um Menschen nicht nur unterhaltend zu „informieren“, sondern um sie auch zu überlebensnotwendigen Entscheidungen und kollektiven Verhaltensweisen zu befähigen?
P. Bourdieu schrieb unlängst
über „...eine ganze Reihe Gelehrter...“ seiner Generation, dass sie die
„...Dinge der Logik mit der Logik der Dinge verwechseln, oder, um näher an der
Gegenwart zu bleiben, Revolutionen in Wort und Schrift mit tatsächlich
stattfindenden Revolutionen...“[1]
Ähnlichen Sinnes F. Hölderlin 200 Jahre früher:
„Spottet ja nicht des
Kind´s, wenn es mit Peitsche und Sporn,
Auf dem Rosse von Holz,
mutig und groß sich dünkt.
Denn, ihr Deutschen, auch
ihr seid
Tatenarm und gedankenvoll!
Oder kommt, wie der Strahl
aus dem Gewölke kömmt,
Aus Gedanken die Tat? Leben die Bücher bald?
O, ihr Lieben! So nehmt
mich,
Dass ich büße die
Lästerung!“
Beide Autoren hegen
berechtigte Zweifel daran, dass zwischen Wort und Wirklichkeit eine echte
„Identität“ besteht, dass das Wort schon die Wirklichkeit ist und umgekehrt.
Beiden war – wie den meisten der Zeitgenossen unserer historischen Epoche –
noch nicht geläufig, dass den Philosophen bei ihrer Wortverknüpfung
„Denken-Handeln“ ein Denkfehler unterlaufen war: Sie hatten zwischen beiden ein
drittes Wort vergessen, das heute in vieler, wenn auch nicht aller Munde ist:
ENTSCHEIDEN. Es ist inzwischen zum gesellschaftlichen „Grundproblem“ geworden.
Heute könnten wir wissen, dass es eine unbedingte Abfolge gibt, die sich in die Worte fassen lässt: Informieren – Entscheiden – Handeln. Dabei kommt dem Entscheiden „entscheidende Bedeutung“ zu. Noch etwas präziser gesagt: In allen Systemen – nicht nur menschengesellschaftlichen – läuft die gleiche Phasenfolge zwangsläufig ab: kein Prozess ohne Vorliegen einer universellen Systemeigenschaft „Information“, ohne Überwindung einer zwischengeschalteten Hemmschwelle „Entscheiden“ und ohne ein nachfolgendes „Systemverhalten“, das allerdings nicht nur in „Tun“, sondern auch in „Nichtstun“, nicht nur in „Weltveränderung“, sondern auch in „Weltbewahrung“ bestehen kann.
In
der menschlichen Zivilisation erfolgt dieser Gesamtprozess in unterschiedlichen
Erscheinungsformen, bewußt oder weniger bewußt, reflexhaft. Die
zivilisatorische Evolution führte zu einer gesellschaftlichen Arbeitsteilung
auch dieses Prozesses, etwa in „Produzenten“ von Information, in
„Entscheidungsträger“, Machthaber, politische und andere „Führer“, Manager usw.
– und in Massen von Geführten.
Ihrem
Wesen nach ist diese Arbeits- oder Funktionsteilung mit der Vorstellung einer
vertikalen Differenzierung in gesellschaftliche Ober- und Unterschichten
verbunden, in „Eliten“ und „Massen“.
Dieses
besondere gesellschaftliche Verhältnis war unter den Bedingungen der Zivilisationsentwicklung
aus folgenden Gründen unverzichtbar, „zivilisationsnotwendig“:
Die
zivilisatorische Evolution war ein Prozess, der sich von der vorangegangenen
natürlichen Evolution in gewisser Weise unterschied. Sie führte nicht zur
säkularen biologischen Differenzierung in neue Arten, sondern zur wesentlich rascheren Bildung „sozialer
Schichten“. Die fehlende oder zu langsame biologische Anpassung wurde
schrittweise durch „extrasomatische“ technische Hilfsmittel überflüssig
gemacht.
Diese Entwicklung wurde durch die Fähigkeit zur „extrasomatischen
informationellen Modellierung“, also durch das menschliche
Informationsverarbeitungssystem, ermöglicht. Der Gesamtprozess der
zivilisatorischen Evolution vollzog sich allerdings nach dem gleichen Muster
wie die vorherige anorganische und organische Evolution in der Ausbildung eines
vierteiligen Mehrschichtsystems.
|
Systemeigenschaften |
Mensch |
Zivilisation |
Biosphäre |
|
|
„Vernunftentfaltung“ |
Informationszeitalter |
Menschenwelt/Anthropogen |
|
|
|
|
|
|
Energie |
Kraftentfaltung |
Energiezeitalter |
Tierwelt/Zoogen |
|
|
|
|
|
|
|
stoffliche Reife |
Stoffzeitalter |
Pflanzenwelt//Phytogen |
|
|
|
|
|
|
Gefüge |
Gestaltgewinnung |
Gefügezeitalter |
Mineralwelt/Minerogen |
Abb. Vier korrelierbare Evolutionsschritte der Mehrschichtsysteme
Mensch, Gesellschaft und Biosphäre.
Die Tabelle
deutet die Prozesse und ihre „Produkte“ an. In allen Systemen koexistieren
vier Ebenen, die sich in zeitlicher Reihenfolge (von unten nach oben)
übereinanderschichten
Während die biologischen
Eigenschaften der Gattung Homo im Zuge der Zivilisationsentwicklung seit
einigen Jahrzehntausenden im wesentlichen unverändert blieben, führte eine
vierstufige technologische Entwicklung zu dem gegenwärtig zu beobachtenden
Zustand. Dabei erleben und gestalten wir gegenwärtig den Übergang zu einem
„Informationszeitalter“ mit, durch das die Spezies Homo sapiens ihre
letztmögliche Entwicklungsstufe erreichen kann. Ob sie es tut oder ob sie sich
vor Erreichen eines solchen (noch nicht verbal und gültig vereinbarten) Zieles
selbst vernichtet oder zu einer neuen Art „klont“, ist vorerst nicht
entschieden.
Wer wird das entscheiden,
wir selbst oder die „Natur“, zu der wir uns durch unser evolutionäres
„Abweichlertum“ in einen erheblichen Gegensatz hineinmanövriert haben? Retten
könnten uns neue „Modelle“ unserer weiteren Evolution, durch die sich ein neues
dynamisches Gleichgewicht zwischen globaler Menschengesellschaft und den
koexistierenden „Gesellschaften“ des Mehrschichtsystems Biosphäre
wiederherstellen ließe. Einstweilen sind wir relativ weit davon entfernt,
diesen Zusammenhang zu erkennen und in unserem Tun konsequent zu berücksichtigen.
Es ist kaum ein Zweifel daran berechtigt, dass der Fortschritt der letzten technologischen Epoche, die durch die Technologie der Energietransformation dominiert ist, uns dem ultimativen Ende menschlicher Existenz sehr nahe gebracht hat. Explosive Entwicklungen ohne Bremsung durch kollektive Vernunft können nur verhängnisvoll sein. Kollektive Vernunft aber blieb infolge der Nichttechnisierbarkeit der Informationsverarbeitung und -nutzung hinter der kollektiven Power-Produktion zurück. Die technischen Muskelspiele von wirtschaftlichen und militärischen Machtorganen fraßen einerseits die in Jahrmilliarden gebildeten auf der Erde verfügbaren Stoffressourcen auf und häuften andererseits Selbstvernichtungsmittel für die gesamte Biosphäre an, die nur schwer unter Kontrolle zu halten sind.
Verhängnisvoll ist die Selbstgefälligkeit
der „Eliten“, die von sich behaupten, „alles im Griff“ zu haben. Aber weit
verhängnisvoller dürfte die Entscheidungsunfähigkeit der „Massen“ sein, die
sich bei qualitativ unzureichender Information in eine Fülle von
Abhängigkeitsverhältnissen begaben und sich weitgehend auf angedrilltes
reflexhaftes Funktionieren und auf angeborene Triebsteuerung verlassen müssen.
Die Bedürfnisse der Massen
werden allerdings durch ein Überangebot an (im weitesten Sinne) sucht- und
lusterzeugenden Mitteln oder „Werten“ mehr oder weniger voll befriedigt oder
zumindest mit der Verlockung einer solchen Befriedigung ruhig gestellt oder
paralysiert. 10 Milliarden Erdenbürger mit
verdoppeltem oder vervielfachtem „Wohlstand“ als angestrebtes
mittelfristiges Ziel!
Es ist der hypertrophe
Machbarkeitswahn des Energiezeitalters, der sich hier fortsetzt. Wir können
alles, wenn wir es nur wollen, wenn wir groß, reich und stark genug sind und es
richtig anpacken!
Diese Einstellung belastet
auch die Zukunftsvisionen heutiger politischer Parteien oder aller anderen
Machtorgane. Alle wesentlichen Wertvorstellungen der Geschichte, Größe –
Reichtum – Stärke – Cleverness, wirken als „Triebkräfte“. Es geht nur darum,
sie „frei“ und grenzenlos verfügbar zu machen. Die Grenzenlosigkeit ist ein
„historischer Wert“, der mit der Körperlosigkeit, dem Feldcharakter des
Phänomens Energie, verbunden ist. Aber es gibt keine Existenz ohne
Körperlichkeit. Systeme sind dialektische Einheiten von Körper und Feld. Sie
sind als Körper relativ begrenzt und als Felder relativ grenzflächenlos.
Die Einäugigkeit, die Einseitigkeit war eines der wesentlichen Defizite der Energiezeit, in der das Komplement zu „Energie“, die „Information“, noch nicht als „materielle Grundeigenschaft“ erkannt und deshalb unterschätzt worden war. Auch die Vertreter eines vermeintlichen „dialektischen und historischen Materialismus“ waren und sind von dieser Einäugigkeit nicht frei. In binären Systemen gibt es keine dauernde Priorität eines „Wertes“ vor dem anderen, sondern eine ständige Vertauschung von Primärem und Sekundärem.
Auch Dialektiker und
Materialisten hatten und haben Schwierigkeiten, die sich erst mit der
Einsicht ändern könnten, dass die
Zivilisationsgeschichte nicht dem vor 150 Jahren prognostizierten Weg folgt,
nach dem auf eine „ökonomische Gesellschaftsformation Kapitalismus“ eine
„Formation Sozialismus“ und schließlich der „Kommunismus“ folgt.
Auch hier stimmten Modell
und Wirklichkeit nicht überein. Die Gesellschaftsdiagnosen des vorigen
Jahrhunderts waren das Ergebnis von vorwiegend differenzierender Forschung
durch „Spezialisten“. Aber die hohe Spezialisierung der Energie- oder
Industriezeit hätte eine annähernd gleichwertige Generalisierung, eine
Wissensintegration erfordert. Doch diese konnte unter den gegebenen Bedingungen
nicht geleistet werden – obwohl es natürlich derartige Versuche gerade im
„sozialistischen Lager“ gab. Aber der fast religiöse Glaube an die
Unfehlbarkeit der „Klassiker“ ließ abweichende Einsichten nicht zu. Und so
konnte die Unbrauchbarkeit des Modells erst durch einen schmerzhaften
Zusammenbruch der auf Illusionen beruhenden, mit krampfhaftem Kraftaufwand
geschaffenen „Realitäten“ bewusst werden.
Es sollten aber keine neuen
Illusionen aufkommen, dass die schon seit Lenin immer wieder neu erhobene
Forderung nach unermüdlichem Lernen und nach „neuem Denken“ ausreichen könnte,
um mit den alten Mitteln des naturhaften Verstandes den nötigen Modell- oder
Paradigmenwechsel vollziehen zu können. Es scheint die Prognose berechtigt, dass
die Spezialisierung durch neue Mittel und Methoden der Informationsverarbeitung
überwunden und zur generalisierenden Aufgabe der Globalgesellschaft gemacht
werden muss. Nur wer an der „Produktion“ von Information (-smodellen) als
Entscheidungsgrundlagen beteiligt wird, könnte auch sachkundige und vor allem
zum Mithandeln und Mitverhalten verpflichtende Entscheidungen treffen.
Der Weg der Nichtbeteiligung
an wesentlichen Entscheidungen, die „demokratische“ Delegierung von
Entscheidungsbefugnis an Mandatsträger, wird das mit der Energiezeit erreichte
„Tierstadium“ der Zivilisation nicht überwinden können. In ihm stehen zwar
Mittel der Kraftvervielfältigung zur Verfügung. Aber die naturhafte
Informationsverarbeitung ermöglicht im wesentlichen nur ein triebhaftes und
nicht ausreichend vernunftgerechtes Verhalten.
Es entspricht zweifellos der
natürlichen Anlage des Menschen, dass er ursprünglich den Rhythmus Informieren
– Entscheiden – Handeln mit einer über seine tierischen Vorfahren hinausgehenden
Qualität praktizieren konnte. Diese ursprüngliche Universalität oder
Ganzheitlichkeit ist verloren gegangen, seit die Savanne als Lebensraum
verlassen wurde. Trotz oder gerade wegen der unbestreitbaren zivilisatorischen
„Fortschritte“ sind wir als Universalisten degeneriert. Die natürliche Auslese
wurde eliminiert. Nur dank eines übergreifenden Netzes von „künstlichen“
Beziehungen, vorwiegend ökonomisierten Kommunikationsmitteln (im weitesten
Sinne), können wir uns am Leben erhalten. Die Industrienationen sind
„wohlhabender“ und „stärker“, aber zugleich an bestimmten Eigenschaften und
Verhaltensweisen unvergleichlich „ärmer“ geworden.
Individuen und Gesellschaft
sind Systeme mit mehr und mehr eingebauten Defekten. Statt unsere Welt zu
verbessern, haben wir sie verschlimmbessert. Und wir setzen diesen Trend auch
in der Übergangszeit zu einer neuen Gesellschaftsformation
„Informationsgesellschaft“ fort – bevor wir die neuen Möglichkeiten begreifen
und zu nutzen verstehen. Dies ist ein Phänomen aller bisherigen
Formationswechsel, durch die zunächst „alte Wertidole“ bedient wurden, bevor es
zur Umstellung auf neue, zeitgerechtere Idole kam.
Es scheint nötig, auf eine undialektische „Einäugigkeit“ des DiaMat besonders hinzuweisen. Der Marx´sche Begriff der ökonomischen Gesellschaftsformation war durch den Formationsbegriff der Geologie angeregt worden. Als „geologische Formation“ werden schichtförmig-flächige Gesteinskörper bezeichnet, die als Bildungen eines bestimmten Zeitabschnittes in einer vertikalen Abfolge interpretierbar sind. Diese Interpretation, gestützt in der Regel durch auf ein bestimmtes Bildungsalter hinweisende „Leitfossilien“, war eine wesentliche wissenschaftliche Erkenntnisleistung, die sich in der Folge in allen historisch orientierten Wissenschaften durchsetzte, also auch in der Gesellschaftsgeschichte. Zwar waren „Gesellschaftsformationen“ nicht als fossile Körper erhalten. Aber fossile Reste oder Artefakte fielen bei archäologischen oder anderen historischen Forschungen allenthalben an. Diese Produkte menschlicher Tätigkeit wiesen auf eine phasenhafte gesellschaftliche Entwicklung hin, die sich auf einige Grundtypen von Formationen reduzieren ließ.
Derartigen Zeiteinheiten stehen in der Geologie räumliche Einheiten gegenüber, deren Ähnlichkeit oder Gleichheit nicht als Folge gleichen Alters, sondern als Folge gleichartiger Bildungsräume anzusehen war. So konnten zu unterschiedlichen Zeiten in gleichem Bildungsmilieu petrographisch sehr ähnliche Gesteinskörper gebildet werden, etwa Dünen in wüstenähnlichem Milieu oder Kohle in sumpfartigen Senkungsfeldern. Es war also für die Ausbildung bestimmter Gesteinsarten nicht nur die Bildungszeit, sondern auch ein räumlicher Komplex von Bildungsbedingungen bestimmend.
Diese Raum-Zeit-Dialektik blieb in den Gesellschaftswissenschaften weitgehend unbeachtet. Bedenken wir aber die Tatsache, dass in der Industrie- oder Energiezeit sogenannter Kapitalismus und sogenannter Sozialismus gleichzeitig, aber in verschiedenen Räumen nebeneinander bestanden, so liegt es nahe, beide als unterschiedliche Fazies ein und derselben historischen Formation zu typisieren.
Der Sozialismus löste nicht wie angenommen den Kapitalismus definitiv ab, sondern konkurrierte mit ihm und wurde schließlich von diesem weitgehend verdrängt – ganz ähnlich, wie das bei geologischen Prozessen durch räumliche Verschiebung geographischer Verhältnisse üblich ist. In einer nachfolgenden oder vorangegangenen historischen Phase konkurrierten etwa kontinentale und marine Räume in ähnlicher Weise.
Es liegt nahe, die Frage aufzuwerfen, ob nicht zumindest dem „Sozialismus“ eine ähnlich säkulare Konkurrenzfunktion zuzuschreiben ist. Sozialismus ist ein Gesellschaftstypus, der nicht erst mit dem Kommunistischen Manifest zum ersten Mal in Erscheinung trat. Seine Wesensbestimmung dürfte darin bestehen, gesellschaftliche Integration, relative Gleichheit anzustreben, während die konkurrierende „Fazies“ Differenzierung, Pluralität und Ähnliches befördert oder zulässt. Differenzierung und Integration sind Grundprozesse, die zu Systemzuständen führen, die sich einerseits einer perfekten Ordnung und andererseits – bei „totaler“ Freiheit – dem Chaos nähern. Die Konkurrenz von beiden „Grundfazies“ bewirkt einen „lebensnahen“ Kompromiss zwischen beiden Polen. Die Pole werden zum Beispiel durch die beiden gegensätzlichen Aussagen charakterisiert „Alle Menschen sind gleich“ und „Alle Menschen sind ungleich“. Richtig wäre: Alle Menschen besitzen gleichartige und ungleichartige Merkmale; sie sind gleich und ungleich in einem.
Ein weiteres Anzeichen von „Einäugigkeit“ ist die vorwiegend lineare (eindimensionale) Sicht der objektiven Realität. Die lineare Zeit hinterlässt „Formationen“ als „reale Produkte“, die mit dem Wechsel der Zeitereignisse nicht wie die Zeit selbst verschwinden, sondern zumindest teilweise bestehen bleiben. In der Geologie legt sich Schicht auf Schicht. Zwar gibt es Erosionen und Verwerfungen, Lagerungsstörungen. Aber insgesamt entsteht ein MEHRSCHICHTSYSTEM, das zwar an der Oberfläche durch die jüngste Schicht überdeckt wird. Aber darunter liegen zumindest Reste aller älteren Formationen. In Realsystemen koexistieren Altes und Neues, natürlich auch in der Gesellschaft.
Die Formation „Energiegesellschaft“ entstand in Europa und transgredierte allmählich über den Erdball. Aber in „ökologischen Nischen“ liegt noch heute Älteres an oder nahe der Oberfläche. Das „Ökosystem Biosphäre“ umfasst koexistierende „Schichten“ aus einigen Jahrmilliarden.
Betrachten wir nur die Schicht „Menschenwelt“, so ist auch sie ein Mehrschichtsystem, in dem Urzeitliches und Neuzeitliches koexistieren. Unsere räumliche Frosch- und zeitliche Eintagsfliegenperspektive, unser eng begrenztes Wahrnehmungsfenster, erlaubt uns allerdings zunächst nicht, diese Realität mit unseren Sinnesorganen zu erfassen. Wir nehmen nur Pixel und Facetten des Ganzen wahr. Wir können sie nur durch logisches Schließen „verstehen“ („erklärendes Modell“ als Weiterentwicklung des „beschreibenden Modells“; beide zusammen ergeben ein umfassendes „diagnostisches Modell“, das durch ein „prognostisches Modell“ vervollständigt wird). Mit einem „geschlossenen Weltbild“ hat nicht nur Gregor Gysi Schwierigkeiten [2]. Wir sollten uns zufrieden geben, wenn es „in sich schlüssig“ ist.
Über das Parteienspektrum der Energiezeit
Nach Überzeugung mancher zeitgenössischer Politiker wiederspiegelt das Parteienspektrum „Links – Mitte – Rechts“ treffend die Gesellschaftsstruktur. Dies ist eine äußerst fragwürdige eindimensionale Modellvorstellung. Gesellschaftliche Systeme sind zwar nicht wahrnehmbar körperlich, also dreidimensional strukturiert. Jedoch lassen sich auf Grund von Merkmalskomplexen durchaus körperähnliche Sachverhalte als 2-D- oder 3-D-Modelle konstruieren. Außer der Rechts-Links-Dimension sind auch eine Vorn-Hinten- und eine Oben-Unten-Dimension anschaulich vor- und darstellbar. Besonders die Oben-Unten-Dimension ist im Zusammenhang mit dem Problem „soziale Gleichheit“ oder „Kommunismus“ (im Sinne von Gleichheit) von höchstem politischem Interesse. Die vertikale Differenzierung ist im Laufe der Geschichte teils als akzeptierbar, teils als unannehmbar erschienen.
Die Akzeptanz beruht auf den Entscheidungsschwierigkeiten, die ein „Normalbürger“ in einer komplexer werdenden Gesellschaft notgedrungen haben muss. Er bedarf in diesem Milieu nicht nur in der Kindheitsphase der Führung durch Experten. Das kann sich erst ändern, wenn die Verarbeitung und vor allem „Aufbereitung“ von Information, die Qualität der Entscheidungsgrundlagen, anders, besser geworden ist. Darüber hinaus wird geistige Entlastung vor allem durch verbesserte technische Reflexe in weitgehend selbststeuernden Apparaten und Maschinen nötig und möglich sein. Das sind Prozesse, die seit Jahrzehnten im Gang sind.
Aber die „Informationszeit“ äußert sich zunächst vor allem noch in einem unerhörten quantitativen Wachstum von Worten, Schriften, medialem Rauschen, die eher Verwirrung stiften als dass sie vernünftiges Verhalten fördern. Allein die Papierflut erzeugt genau das Gegenteil von Informiertheit, nämlich Überdruss und Paralysierung. Das Bedürfnis nach Dienstleistungen, nach Entlastung von Mitverantwortung, nach Unterhaltung und Spiel fördert eher Asozialität und Chaos als geordnetes Miteinander. Eine allseitige informationelle Überforderung ist unverkennbar und veranlasst „Abschottungsverhalten“.
Schließlich bereitet sich mehr und mehr eine biologische Differenzierung in „Übermenschen“ und „Untermenschen“ [3] vor, die ohne bewusstes Gegensteuern der Menschen selbst nicht aufzuhalten sein dürfte. Über diesen Sachverhalt rational zu argumentieren ist äußerst schwierig, besonders seit den partei- und machtpolitisch gesteuerten Verhaltensweisen des deutschen „Nationalsozialismus“. Dies war eine extrem integrierende politische Bewegung, deren Grundlage die „herrenrassische Homogenität“ der ethnischen Einheit „deutsches Volk“ war.
Ein formell ähnlicher Homogenisierungsgedanke lag auch dem Marxismus zu Grunde. Er basierte allerdings auf der Zielvorstellung einer „Klassenhomogenität“ des internationalen Proletariats. Dies bedeutete ein Hinausgehen über die engen nationalen Grenzen, wie es heute auch von der „kapitalorientierten Gegenklasse“ als „Globalisierung“ betrieben wird. Ging es dem Proletariat (oder Marx) um die Schaffung einer klassenlosen Gesellschaft an Stelle einer durch unterschiedlichen Besitz differenzierten Gesellschaft mittels der bisher besitz- und machtlosen Klasse, so geht es dem Finanz- und Wirtschaftskapital um die Festigung der Alleinherrschaft in den noch immer durch „soziale und demokratische Komponenten“ binär oder mehrdimensional strukturierten Nationalstaaten beziehungsweise um die „Überwindung“ ihrer Abgrenzungen.
Die „Parteienlandschaft“ ist relativ spontan gewachsen, ebenso wie die gleich einer Springprozession fortschreitende Erkenntnis des Wesens gesellschaftlicher Systeme. Es ist zu erwarten, dass der im Gang befindliche „Modellwechsel“ mit dem Übergang von der Energie- zur Informationsgesellschaft auch zu neuen Erkenntnissen über Funktion und Sinn von Parteien führt. Zur Zeit herrscht ihre Funktion als „Wahlvereine“ vor. Angesichts der Probleme von gesellschaftlicher Diagnostik und Prognostik wird es schwierig werden, die Gesellschaft und ihre Organe und deren Funktion zukünftig besser zu therapieren. Es gibt ja einige Parallelen zwischen Politik und Medizin.
Die gesellschaftliche Evolution
erfolgte im Wechselschritt von Informieren-Entscheiden-Handeln. Informieren
heißt diagnostizieren und prognostizieren. Diagnostizieren ist Wahrnehmen des
Gegenwärtigen, Versuch, das Wahrgenommene in eine Ordnung zu bringen, also
Zusammenhänge, Relationen herzustellen. Grundlage der Ordnung sind
räumlich-zeitliche Koordinationssysteme.
Solange keine
wissenschaftlichen Diagnosen und Prognosen vorliegen, ist „Politik“ ein Spiel
mit Möglichkeiten, vergleichbar einem Lotteriespiel. Die Erfolgsquote bleibt
von Zufallstreffern abhängig. Allerdings bestand die zivilisatorische Evolution
darin, unter bestimmten Bedingungen erfolgversprechende Mittel und Methoden zu
entwickeln, um die Trefferwahrscheinlichkeit zu erhöhen. Unbewusst wurde dabei
ein Weg beschritten, der durch die vormenschliche Evolution vorgezeichnet war.
Die Erfahrungen der Natur waren genetisch gespeichert, ohne den handelnden
Menschen zunächst bewußt zu sein. In gröbster Vereinfachung lassen sich die in
der Abb. markierten vier Schritte benennen: Gefüge-Stoff-Energie-Information,
beziehungsweise die Prozesse der Gefüge-, Stoff-, Energie- und Informationstransformation.
Sie sind die Grundlage der vier erkennbaren „historischen
Gesellschaftsformationen“ mit jeweils zwei „Grundfazies“, einer differenzierenden
oder heterogenisierenden und einer integrierenden oder homogenisierenden. Der
Widerspruch zwischen Differenzierung und Integration ist säkular und nur in den
Relationen zu verändern.
Die Viererfolge der
allgemeinen Systementwicklung ist im Kleinen wie im Großen zwingend vorgegeben.
Aber jedes System, gleich ob organisch oder anorganisch, ist von Anfang bis
Ende eine Einheit von vier Grundeigenschaften. Was sich ändert ist die
phasenweise unterschiedliche Qualität, die Dominanz einer bestimmten
Grundeigenschaft in der vorgezeichneten Reihenfolge.
Ein einzelner Mensch
transformiert von Anbeginn an alle vier natürlichen Grundeigenschaften. Aber
zunächst herrscht die Veränderung der Gestalt, etwa das körperliche Wachstum
vor. Es folgt die „Reifezeit“, in der stoffliche Transformationen eine
besondere Rolle spielen. Daran schließt sich die Phase der Kraftentfaltung und
zuletzt die der Vernunftentfaltung an. Natürlich wachsen Kräfte und
Erkenntnisse bereits in der frühesten Phase der Entwicklung. Aber die „volle
Entfaltung“ oder „Entwicklung“ (im Wortsinne!) erfolgt erst später.
Menschliche, insbesondere
„herrscherliche“ Willkür versuchte zu allen Zeiten, diese Gesetze zu
durchbrechen. Ikarus wollte fliegen zu einer Zeit, als ihm nur die gefügetransformierenden
Fähigkeiten des Meisters Daidalos zur Verfügung standen. Die
Stofftransformation, die ihm die Verwendung von nichtschmelzenden künstlichen
Klebern für seine befiederten Flügel erlaubt hätte, stand noch nicht zur
Verfügung. So scheiterte seine Flucht aus Kreta an dem in der Sonne
schmelzenden Naturstoff Wachs. Er hielt die von Daidalos vorgegebene Bedingung
nicht ein, sich nicht zu sehr der Sonne zu nähern.
Dies Ikarus-Syndrom, das
Treffen willkürlicher Entscheidungen bei fehlenden Bedingungen, gilt für zahllose gescheiterte, auf Utopien
basierende menschliche Handlungen. Grundvoraussetzung waren in jedem Falle
unzureichende Prognosen. Man bezeichnet Politik auch als die „Kunst des
Möglichen“. Kunst beruht auf Intuition, auf „Gefühl“, Glauben, nicht auf
wissenschaftlicher Prognostik. Diese Ebene des „Unterbewussten“, des
„gefühlsmäßigen Entscheidens“, ist für viele Handlungen von Naturwesen unter
Naturbedingungen erfolgversprechend. In der hochentwickelten Zivilisation der
3. Phase, der Energiezeit, nahmen die Konflikte, die „Entfremdung“ zwischen
Natur und Zivilisation zu. Die Wissenschaften wurden zum „weiten Spielfeld der
Experten“, der Eliten. Die Bedürfnisse der Gesamtgesellschaft und noch mehr der
Biosphäre gerieten aus dem Blickfeld. Der regionale Partikularismus der
Feudalzeit schlug um in einen funktionalen Partikularismus, in ein
Parteiendenken, bei dem das „Ganze“ sich zunehmend verengte auf bestimmte „Werte“, genauer: auf
„Merkmalswerte“.
Wichtig war nicht die
„Menschheit“ oder gar die Biosphäre, sondern die Nation, die Klasse, die
Partei, das Ich, die Macht des Ichs, der Besitz des Ichs, die Freiheit des
Ichs. Nur wer sich genügend „eng“ spezialisierte, konnte es genügend „weit“
bringen.
Wir halten das Erbe dieser
Zeit in den Händen und müssen versuchen, seinen Zukunftswert zu
prognostizieren. Was ist noch für unsere Zukunftsentscheidungen zu gebrauchen,
was ist Plunder, was sogar Gift? Welche Zukunft steht uns bevor? Was wird sich
„von selbst“ verändern oder unverändert fortsetzen? Was müssen wir an uns
selbst verändern oder bewahren?
Wozu werden wir gezwungen sein? Welche Freiheiten bleiben uns? Keine dieser Fragen ist aus dem hohlen Bauch zu beantworten. Ja, werden sie überhaupt gestellt?
Gehört die Frage:
Unter welchen Bedingungen
sind soziale Gleichheit und politische Freiheit vereinbar?
zu den „bewegenden“ Fragen, zu denen, deren
Beantwortung nötige Entscheidungen vieler Menschen nach sich ziehen kann
und wird?
Die Forderungen der Französischen Revolution, mit der ein
großer Schritt vom Feudalismus zum Kapitalismus oder – was treffender erscheint
– aus der europäischen „Stoffzeit“ in die „Energiezeit“ getan wurde, ließen
sich nicht erfüllen. Schon ein namhafter Zeitgenosse der Revolution
formulierte:
Gesetzgeber oder
Revolutionäre, die Gleichsein und Freiheit zugleich versprechen,sind Phantasten
oder Charlatans.
(Goethe, Maximen und Reflexionen, Über Literatur und
Leben).
Streng genommen, ist dies eine Behauptung, nicht unbedingt eine wahre Aussage. Sie könnte wahr sein, wenn Goethe vorausgeschickt hätte: Mein Eindruck als Zeitgenosse ist...
Auch wir können nur ähnliche
Einschränkungen vorausschicken. Aber die Bemerkung Goethes ist zumindest
bedenkenswert, deckt sie sich doch mit der Feststellung, dass es zumindest
strittig ist, ob es aus heutiger Sicht überhaupt möglich ist, Freiheit,
Gleichheit und Brüderlichkeit in der Gesellschaft zu realisieren.
Es
handelt sich bei den genannten Wörtern um Bezeichnungen für nichtkörperliche,
nicht unmittelbar wahrnehmbare Sachverhalte, um Bezeichnungen für „Relationen“,
Verhältnisse, die aus bestimmten Verhaltensweisen (in unserem Falle von
Menschen) abgeleitet werden können.
Wann ist ein Mensch oder eine Gruppe von Menschen, ein gesellschaftliches System, frei -oder politisch frei, wie es in der Frage formuliert ist? Was heißt „politisch frei“?
Eine politische Partei „frei“ zu wählen? Sich „frei“ politisch zu betätigen? Seine „Meinung“ frei zu äußern? Das sind gängige Ausdrücke. Aber die Auswahl der Parteien ist natürlich begrenzt. Und in der Regel vertritt keine die Wünsche oder Bedürfnisse eines „freien Wählers“ ganz und zu jeder Zeit. Und der „freien politischen Betätigung“ sind teils natürliche, teils juristische Grenzen gesetzt. Jeglicher Freiheit steht das Komplement Unfreiheit oder Zwang gegenüber. Und die Realität eines Verhaltens wird in irgend einer Weise ein Kompromiss zwischen „absoluter Freiheit“ und „absolutem Zwang“ sein müssen. Ein Mensch, ein Gesellschaftssystem kann relativ frei und zugleich relativ unfrei sein – mehr nicht. Aber die Relationen sind nicht messbar, sondern bestenfalls „qualitativ vergleichbar“. Freiheit ist gewissermaßen ein „vorwissenschaftlicher Begriff“, ein phrasenhaftes Systemmerkmal mit den Merkmalswerten vorhanden oder nicht vorhanden. Ähnlich verhält es sich mit Gleichheit und Brüderlichkeit.
Diese relative Begriffsunschärfe erschwert und erleichtert zugleich die Ausnutzung als politische Zielsetzung. Es handelt sich um Ziele, die sich nicht umfassend und auf Dauer erreichen lassen. Sie lassen sich nicht streng „bilanzieren“. In der modernen Politik haben sie eigentlich nichts mehr zu suchen – es sei denn, wir akzeptieren auch in der Politik eine gleitende Relation von Rationalität und Emotionalität.
Wenn mit „politischer Freiheit“ die Unabhängigkeit von „politischer Herrschaft“ oder „Klassenherrschaft“ gemeint ist, so ist diese in den Gesellschaftssystemen mit parlamentarischer Demokratie, also mit „nach oben“ delegierter Entscheidungsbefugnis, prinzipiell nicht erreichbar. Das Entscheidungsproblem ist mit dem Freiheitsbegriff untrennbar verbunden. Aber „entscheiden“ heißt: nicht willkürlich, sondern auf der Grundlage hochwahrscheinlicher Prognosen entscheiden. Und die Prognostik ist bisher und in gewissen Sachverhalten wohl auf Dauer ein schwer zu lösendes Problem. Wir stehen unter ständigem Entscheidungszwang und können diesen Druck zukünftig nur dadurch mildern, dass wir informationstechnische Mittel und Methoden der Datensimulation entwickeln, die zuverlässiger, schneller und für jedermann nachvollziehbarer sind als unser natürliches Informationsverarbeitungssystem mit den beiden Ebenen Bewusstsein und „Unterbewusstsein“. Wir müssen uns wenigstens die geistige Schwerarbeit der Logik abnehmen lassen.
Dies dürfte eine zeitgerechte Grundbedingung sein, um auch die Vereinbarkeit von politischer Freiheit und sozialer Gleichheit zu beurteilen. Solange aber jede zweite prognostische Aussage unserer gewählten Politiker und auch der nichtgewählten Eliten mit einem „Ich glaube...“ eingeleitet wird, ist das allerdings ein sicheres Zeichen dafür, dass wir von der Erfüllung dieser Bedingung noch ein gutes Stück entfernt sind.
Der Marxismus war der erste
im Ansatz wissenschaftliche Versuch, Zustand und Evolution der Gesellschaft zu
diagnostizieren und zu prognostizieren. Das entwickelte Modell eines
wissenschaftlichen Sozialismus war wie alle menschengeschaffenen „Produkte“ ein
„System mit eingebauten Defekten“. Das ist kein unverzeihlicher Mangel, denn
auch die Natur produziert derartige Systeme. Sie sind ein notwendiges Ergebnis
des unüberbrückbaren Gegensatzes von Chaos und Ordnung und der zugehörigen
Prozesse von Differenzierung und Integration. Unsere Welt ist ein
„evolutionärer Kompromiss“, eine Relation zwischen zwei Polen.
Wir tun gut daran, mit
diesen Relationen zu operieren, die Bipolarität als unüberwindbar oder sogar
als wünschenswert gelten zu lassen. Der Sozialismus wird und kann nicht
„siegen“. Es gibt keine Bedingung, die „herstellbar“ wäre – auch nicht mit
größter Gewalt oder Macht und nicht mit höchster Vernunft. Aber es gibt die
Chance, vernünftige Relationen in einem sehr komplexen Mehrschichtsystem
Biosphäre und in einem ähnlich strukturierten System Menschengesellschaft
zuzulassen, gelegentlich auch zu erkämpfen, wachsen zu lassen und gezielt zu
„erarbeiten“.
Es geht darum, richtige
Einsichten zu vermitteln, Entscheidungsfähigkeit in einer Spezies zu entwickeln,
die sich für vernunftbegabt hält – und die nur schwer vernunftfähig zu machen
ist. Aber die Vernunft eines Neugeborenen und eines Greises, eines Mannes und
einer Frau, eines Tropenbewohners und eines Menschen in Nähe des Eises wird
nicht die gleiche sein können. Es bedarf freier Ausgleichsprozesse,
Kommunikation nicht nur von Information, sondern auch von Strukturen, Stoffen
und Energien. Wir brauchen eine „Kommunität“ der Ungleichen, Homogenität im
Heterogenen, die sich ständig differenziert und integriert. Wenn dabei eine
„Partei der Integration“ einer „Partei der Differenzierung“ im „Wechselspiel“ gegenüberstünde, könnte
das ein möglicher Lösungsweg sein.
Vielleicht hat auch Konrad
Lorenz [4]
nicht unrecht: „Die technologischen Früchte vom Baum der wissenschaftlichen
Erkenntnis haben eine Welt geschaffen, in der äußere feindliche Einflüsse nahezu fehlen, und eben dadurch haben
sie das schöpferische Werden des Antriebs beraubt, der bis dahin wirksam
gewesen war. Der Genuß der Früchte vom Baum der Erkenntnis hat aber, wie die
Biblische Geschichte erzählt, die Austreibung der Menschen aus einem Paradies
der Verantwortungslosigkeit zur Folge gehabt. Die Erkenntnis des Guten und des
Bösen ist für das vormenschliche Lebewesen entbehrlich, denn es darf alles was
es kann. Nur der Mensch kann mehr, als er darf. Er hat sich der grausam
bewahrenden Selektion entzogen, die ihn davon abhalten könnte, mehr zu
zerstören, als er schafft. Er scheint dem Entropiesatz ausgeliefert zu sein,
dessen ethische Wirkung Wilhelm Busch in den herrlichen Versen wiedergibt::
„Aufsteigend mußt du dich bemühen, doch ohne Mühe sinkest du. Der liebe Gott
muß immer ziehen, dem Teufel fällt´s von selber zu...
Der menschliche Geist hat sich von den äußeren Mächten befreit... Mit dieser Befreiung hat der Mensch die Verantwortlichkeit für sein weiteres Werden übernommen. Es steht ihm gleicherweise frei, zu verkommen oder zu ungeahnten Höhen emporzusteigen.“
Schon vor fast 2000 Jahren
legte der Evangelist Lukas (23, 34) dem sterbenden Gekreuzigten die Worte in
den Mund: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht was sie tun. – Wir
können heute vielleicht präzisieren: Wir mögen genügend know how über
unser Tun besitzen, aber wir können nicht erklären, warum wir das tun was
wir tun. Die Diagnosen sind unvollkommen, die Prognosen sind es noch mehr.
Wie viel Freiheit und wie
viel Zwang haben wir miteinander in Einklang zu bringen? Und wie viel und welche
Gleichheit ist bei aller Ungleichheit sinnvoll und möglich? Wir werden manches
nicht gleichzeitig und an gleicher Stelle haben können, sondern nur in
zeitlich-räumlicher Dynamik.
20.08.00
Ernst Schlegel
(Zu einem Preisausschreiben der Rosa-Luxemburg-Stiftung)
[1] Die Internationale der Intellektuellen.- Berliner Zeitung, 10./11.06.00, Magazin
[2] Berliner Zeitung, 22./23.04.00, Magazin
[3] Die Termini entsprechen nicht meinem Gesellschaftsbild, charakterisieren aber die Realitäten
[4] Das Wirkungsgefüge der Natur und das Schicksal des Menschen. - Serie Piper, Bd. 309. München Zürich 1983, S. 354/55.