Thesen
Kurze Vorbemerkung
Wer das Wort „Thesen“
liest oder hört, wird wahrscheinlich vor allem an die Triade These – Antithese – Synthese denken. Sie ist auf Ideen, Aussagen, Theorien bezogen.
Ich habe mit der nebenstehenden Grafik
versucht, THEORIE mit menschengemachter PRAXIS zu verbinden und dabei auf die
Bedeutung von MITTELN oder PROTHESEN hingewiesen. Der „Gebrauchswert“ von
„Thesen“ und anderen „Geistesprodukten“ besteht in ihrer praktischen
Verwertbarkeit, nicht so sehr als „Spielball“ für „Gedankenspiele“, sondern als
„diagnostische und prognostische Modelle“ für „Projekte“, für „Therapien“. Ein
Modell der Zivilisationsgeschichte sollte also der bewussten Weiterentwicklung
des Systems Zivilisationsgesellschaft dienen. Diese Weiterentwicklung dürfte
ohne Entscheidungen über Bewahrenswertes und Veränderungswürdiges, über
ständiges Relativieren kaum möglich sein.
Die ZIVILISATIONSGESCHICHTE ist ein
realer Lebens- oder Evolutionsprozess eines Systems ZIVILISATIONSGESELLSCHAFT,
der sich aus einem „reinen“ Naturprozess heraus entwickelte, und der im Laufe
der Zeit immer mehr von einer natürlichen „Stammesentwicklung“ abwich.
Die Abweichungen wurden zunächst vor
allem als „zivilisatorische Errungenschaften“ (oder „Gnadengeschenke“)
hingenommen. Auch heute werden die Besonderheiten und Abweichungen von anderen
Prozessen in der Biosphäre vielfach nicht bewusst in ihrer Widersprüchlichkeit
registriert oder diagnostiziert.
Was ist ZIVILISATIONSGESELLSCHAFT/was
nicht? Gesellschaften oder Vergesellschaftungen sind räumliche, also
„systemische“ Ordnungszustände relativ gleichartiger Individuen oder
Teilsysteme, meist im Bereich der Erdkruste. Es werden Menschen-, Tier-,
Pflanzen-, Mineral- und andere natürliche „Gesellschaften“ unterschieden.
Innerhalb der genannten „Gesellschaften“ sind Teilgesellschaften geringerer
Größenordnung üblich.
Die Zivilisationsgesellschaft ist
ein Sonderfall der natürlichen Menschengesellschaft, der sich durch die
„Symbiose“ von biologischen Lebewesen mit selbstgemachten MITTELN
unterscheidet. Art und Umfang dieser MITTEL ändern sich im Laufe der
Zivilisationsgeschichte teils willkürlich, teils „naturgesetzlich“. Dies ist
ein Hybridisierungsprozess, der in der irdischen Biosphäre einmalig ist. Die
damit verbundene Hybris ist schwer zu diagnostizieren und zu therapieren.
Der Übergang von einer
vorzivilisatorischen menschenähnlichen „Vorgängergesellschaft“ zu einer
Zivilisationsgesellschaft gilt uns als Beginn der Menschwerdung – so dass die
Bezeichnungen „Menschengesellschaft“, „Globalgesellschaft“ und
„Zivilisationsgesellschaft“ faktisch gleichbedeutend sind.
Was ist
ZIVILISATIONSGESCHICHTE/was nicht? Folglich ist auch „Zivilisationsgeschichte“
identisch mit „Menschheitsgeschichte“. Die Betonung der „Zivilisiertheit“
bedeutet keine moralische Qualifizierung, sondern weist eher darauf hin, dass
Menschen ohne zivilisatorische MITTEL faktisch nicht existenzfähig sind. Die
zivilisatorische Evolution der Gesellschaft vollzieht sich in mehreren Transformationsphasen,
die einander „schichtartig überlagern“, so dass die moderne Gesellschaft als
ein Öko- oder Mehrschichtsystem verstanden werden kann, das im Laufe der
Geschichte von „unten“ (dem Alten) nach „oben“ (dem Jungen) metaphorisch
„gewachsen“ ist. Die zeitweilige Bewertung dieses Prozesses als
„Höherentwicklung“ ist zu relativieren: Die wachsende Qualität und Quantität
der zivilisatorischen MITTEL war mit
einer ebenfalls wachsenden natürlichen Dekadenz oder Degeneration gekoppelt.
Die Eliminierung natürlicher Defizite ging mit einem Missbrauch vieler MITTEL
einher.
Die „INFORMATIONELLE MODELLIERUNG“
der Zivilisationsgeschichte als individueller und gesellschaftlicher
„Produktionsprozess“
Die Zivilisationsgeschichte ist nur
in sehr engen lebenszeitlichen Abschnitten persönlich erlebbar und
innersomatisch (im Gedächtnis) oder extrasomatisch (als Aufzeichnung u. ä.) zu
dokumentieren.
Zu den zivilisatorischen
Errungenschaften der Gesellschaft gehört die Produktion von nahezu zeitgleichen
Protokollen einerseits und von historischen Rekonstruktionen durch Quellen-
oder „Feldforschung“ andererseits. Auf diese Weise sind mehr oder weniger
lückenhafte/lückenlose und merkmalsreiche/merkmalsärmere verbale historische
Schilderungen oder grafische Modelle möglich.
Die
Aussagenfolge bildet in der Regel den historischen Prozess von einem
willkürlich gesetzten Anfang und einem ebensolchen Ende ab.
Dabei kann die räumliche Weite eines
Forschungsobjektes (gesellschaftliches Teilsystem) „querschnittsartig“, aber
zeitlich relativ eng begrenzt dargestellt werden: Das Merkmalsmosaik ist
umfangreich, die modellierte Prozessdauer gering.
Im Gegensatz dazu werden zeitliche
„Längsschnitte“ eines oder weniger Merkmale modelliert, etwa die Entwicklung
der Bevölkerungszahl über eine lange Zeit.
Grundsätzlich erfolgt eine
„Verarbeitung“ von „Primärdaten“ in einer black box (dem Gehirn eines Experten)
zu einem Output, der ein bestimmtes individuelles oder kollektives
Informationsbedürfnis befriedigen soll. Die Arbeitsweise forschender Experten
kann als „einfache Kooperation“ bezeichnet werden, wobei getrennt agierende
Individualisten die wesentliche Arbeit relativ isoliert am Schreibtisch
verrichten. Archäologische Feldforschung bedarf allerdings meist zahlreicher
körperlich arbeitender Hilfskräfte.
Das Forschungsergebnis ist nicht
selten ein literarisches Kunstwerk, produziert mit einem hohen Anteil an
„Gedanken- und Sprachspiel“ von Experten für Experten.
Zivilisationsgeschichte
als DIAGNOSTISCHES UND PROGNOSTISCHES MODELL
Mit dem Übergang einer
expertenkulturell betriebenen Geschichtsforschung zu einer durch neue
extrasomatische MITTEL gestützten gesellschaftlichen Informationsverarbeitung
wird die Frage nach dem Charakter (der Methodik) und den Produkten dieser
ARBEIT und ihrem Gebrauchswert neu zu stellen sein.

Die als Zivilisationsgeschichte zu
verstehenden literarischen Aussagen stellen in der Regel eine schwer
durchschaubare Anhäufung von wahren und unwahren zustandsbeschreibenden,
richtigen und falschen erklärenden, wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen
prognostischen Aussagen dar. Sie sind nicht das Produkt bewusst angewandter
Transformationsregeln, sondern eines relativ freien Spieles von Gedanken mit
dem gesellschaftlichen MITTEL Sprache.
Dies gilt nicht nur für die
Geschichtswissenschaften, sondern auch für andere. Der Historiker hat fast
immer das Problem, dass er die von ihm zu modellierenden Fakten nicht selbst
wahrgenommen hat, sondern aus sekundären Quellen schöpfen muss. Bevor sie ihm
zugänglich werden, sind sie bereits mehrfach informationell zu Aussagen
transformiert worden.
Jede Umsetzung natürlicher Signale
ist aber ein Vorgang, der kaum als „exakte“ Abbildung oder Widerspiegelung
gelten kann. Das gilt in gewissem Grade sogar bei Anwendung moderner
audiovisueller Abbildungsmittel. Eine umfassende systemische „Widerspiegelung“
müsste etwa folgendes Grundmodell berücksichtigen:
Das
ist bei einem System wie der Zivilisationsgesellschaft zweifellos schwierig und
deshalb unüblich.
Noch
problematischer wird es dadurch, dass nicht das System
Zivilisationsgesellschaft, sondern der Prozess Zivilisationsgeschichte
modelliert werden soll. Das dürfte erst befriedigender gelingen, wenn das
Bewusstsein der Historiker, mit bestimmten MITTELN der Informationsverarbeitung
agierende Produzenten zu sein, entwickelter ist als derzeit.
Zivilisationsgeschichte
als ENTSCHEIDUNGSGRUNDLAGE für praktische Gesellschaftstherapie
Der Terminus
„Informationsverarbeitung“ tritt zunehmend an die Stelle der Bezeichnung
„Denken“, die im Sprachgebrauch allgemein als Komplement zu „Handeln“ gebraucht
wird. Dass zwischen Denken und Handeln eine relativierende Phase ENTSCHEIDEN
liegt, bleibt oft unberücksichtigt. Der Gesamtprozess lautet also
Bezogen auf das System
Zivilisationsgesellschaft ginge es darum, Zivilisationsgeschichte als Diagnose
und Prognose zu verstehen, die notwendige Entscheidungen zur Therapierung des
Gesamtsystems oder bestimmter Teilsysteme ermöglicht.
Wir erleben diese
Therapierungsversuche in der Gegenwart als eine endlose Kette von Reformversuchen
auf allen Systemebenen vom Individuum bis zur Globalgesellschaft. Gelegentlich
ist auch von Phasenwechseln oder
Quantensprüngen die Rede oder Schreibe. Dass das altbekannte Wort „Revolution“
tabu ist, ist letzten Endes auch den Historikern unserer Tage anzulasten, die
bisher
kein
bewusst als Entscheidungsgrundlage produziertes Gesellschaftsmodell zustande
gebracht haben, das die Gesetzmäßigkeit der Zivilisationsentwicklung umfassend
modelliert. Wenn von „Paradigmenwechseln“ die Rede war, handelte es sich
eigentlich nur um neue Wortspiele.
Dokumentierte
Zivilisationsgeschichte bleibt Unterhaltungsliteratur, wenn sie nicht zu
prognostischen Modellen für Verhaltensentscheidungen genutzt werden kann. Dabei
ist die gegenwärtige Übergangsphase ohne neue Menschen- und Gesellschaftsbilder
nicht zu bewältigen. Für ihr Zustandekommen oder Nichtzustandekommen sind vor
allem die intellektuellen Eliten verantwortlich zu machen. Allerdings ist ihre
Situation höchst prekär: Sie dürfen sich entscheidende Anteile an der
bisherigen zivilisatorischen Entwicklung zugute halten. Allerdings war diese
Entwicklung zu keiner Zeit ein widerspruchsfreies „Erfolgsmodell“, kein Anlass
zu Arroganz – wie zuweilen GEGLAUBT wird.
Es gibt Intellektuelle (und
Nichtintellektuelle), die die „Befreiung von Arbeit“ für ein herangereiftes
Ziel halten. Das Gegenteil dürfte der Fall sein: Es wird klar werden müssen,
dass der Übergang zur „Informationsgesellschaft“ ohne „Arbeit für Alle im
arbeitsfähigen Alter“ nicht machbar sein wird. Es wird Raum für naturhaftes und
für zivilisatorisches Verhalten in neuen Relationen über nahezu die
GESAMTLEBENSDAUER möglich sein. Rechte und Pflichten, Freiheiten und Zwänge
werden in einer sich ständig diagnostizierenden, entscheidenden und
„therapierenden“ hybriden Zivilisationsgesellschaft ihre Verhältnisse mit
optimaler Vernunft kontrollieren und steuern können und müssen.
ES
04/07