Leserzuschrift
Sehr geehrte Damen/Herren der Redaktion „Forschung und Lehre“
die nachfolgenden Überlegungen wurden
angeregt durch den Beitrag von G. Roellecke in Ihrem H. 4/06. Vielleicht haben
Sie Verwendung dafür. Auf jeden Fall würde ich einen Dialogversuch gleich
welcher Art begrüßen.
Mit
freundlichen Grüßen
Ernst Schlegel ernschleg@web.de
„Doktern“ oder Gesellschaftstherapie? 16.04.2006
Gesellschaftliche Systeme und
Prozesse bedürfen einer ähnlichen Kontrolle und Steuerung wie menschliche und
andere lebende Individuen oder menschen- und „naturgemachte“ anorganische
körperliche Objekte (z. B. Maschinen), ihres momentanen und säkularen
Verhaltens in Raum und Zeit. Systeme und Prozesse sind relative räumliche und
zeitliche Ordnungszustände, genauer gesagt: Relationen zwischen totaler Ordnung
und totalem Chaos. Sie tendieren zu beiden Extremen.
Das Verhalten „vernunftbegabter
Wesen“ hätte dieser Relativität Rechnung zu tragen. Es bedarf dazu der
„Informationsverarbeitung“, d. h., des informationellen Inputs in eine
transformierende „black box“ und eines (relativ dynamischen) informationellen
Outputs in Form von diagnostischen und prognostischen „Informationsmodellen“.
Solche Modelle besitzen mehr oder weniger hohen Gebrauchswert für unumgängliche
Verhaltensentscheidungen. Der Algorithmus des nichtchaotischen Gesamtverhaltens
heißt in kürzestmöglicher Formulierung INFORMIEREN – ENTSCHEIDEN – HANDELN.
Die informationsverarbeitende
„black box“ menschlicher (und anderer tierischer) Individuen ist das Gehirn.
Menschliche Kollektive haben im Laufe der zivilisatorischen Evolution
(Spezialisierung) eine Reihe von „gesellschaftlichen Organen“ (Teilsystemen)
hervorgebracht, in denen sich die Individuen auf die Produktion von
diagnostischen und prognostischen Modellen spezialisiert haben. Andere wurden
Spezialisten für Entscheidungen oder „praktisches“ Handeln, also für nicht
vorwiegend informationelle Transformationen.
Diese Form der gesellschaftlichen
Arbeitsteilung (Differenzierung) hat auch zur Herausbildung von Teilsystemen
für Forschung und Lehre geführt. Allerdings sind unsere Modellvorstellungen
über alle menschengesellschaftlichen Istzustände, deren bisherige Entwicklung
und wahrscheinliche zukünftige Entwicklungen aus erklärbaren Gründen höchst
defizitär und „reduktionistisch“.
Eine wissenschaftliche Erklärung
dieses Sachverhaltes gehört zum „Einfachen, das schwer zu machen ist“: Im
Gegensatz zur vormenschlichen Lebenswelt mussten die Menschen nicht die
„Ochsentour“ der NATÜRLICHEN EVOLUTION mit Mutation und Selektion durchstehen.
Sie waren dank einer neuen Qualität ihres natürlichen
Informationsverarbeitungssystems in der Lage, nach und nach ihre körperlichen
Defizite (bei der Besitzergreifung der irdischen Biosphäre aus einer begrenzten
ökologischen Nische heraus) durch GEMACHTE MITTEL (durch „Prothesen“) zu
überwinden. Diese zivilisatorische Evolution erfolgte allerdings nach einem von
der Natur vorgegebenen zeitlichen Muster (extrasomatische Transformation von
GEFÜGE-STOFF-ENERGIE-INFORMATION).
Die Abfolge dieser
Transformationen ist ein allgemeiner evolutionärer Algorithmus, der zumindest
an der Grenzfläche Erde/All, also in der Biosphäre, wirksam war.
Dabei ist zu diagnostizieren, dass
die Möglichkeiten der mittelgestützten extrasomatischen menschlichen
Informationstransformation heute noch unausgereift sind. Wir befinden uns in
der Übergangsphase zwischen den beiden historischen Groß-Ären „Energiezeit“ und
„Informationszeit“ mit ihren durch unterschiedliche Technologien dominierten
Gesellschaften.
Aus dieser diagnostischen UND
prognostischen Erkenntnis ergibt sich: Zwar verdanken wir unsere bisherigen
„Errungenschaften“ (vom Faustkeil bis zur „Bombe“) vor allem den naturhaften
Fähigkeiten unseres Gehirns, seiner Eignung zu Gedanken- und Sprachspielen.
Aber den Paradigmenwechsel zu einem prognostischen Modell einer technikgestützten
„Vernunftgesellschaft“ (oder wie auch immer zu benennen) vermögen wir
intellektuell kaum zu vollziehen. Auch ein mittelalterlicher Bauer oder
Handwerker war nicht in der Lage, die heutige technische Realität einer ins
Ungeheure gewachsenen technischen „Kraftentfaltung“ auch nur zu erahnen.
So wird die heute noch vorherrschende
„Wertschätzung“ der durch natürliche Mutation und Selektion bedingten
intellektuellen Begabung, der „geistigen Eliten“ also, als eines natürlichen
„Motors“ allen Fortschritts nun zu einem Hemmnis für die „Selbsttransformation
der Wissenschaften“.
Der Schlüssel für die Zukunft der
Spezies Homo sapiens läge nicht in der zeit- und kostenaufwändigen
Elitenförderung, sondern in der auf neue Ziel- und Strategiemodelle gegründeten
Neuorganisation des gesellschaftlichen Lebens. Sie hätte mit dem Umdenken, mit
der Abkehr von elitärer Arroganz, vom Privileg einer jahrzehntelangen Befreiung
(der studentischen Jugend) von gesellschaftsdienlicher ARBEIT, von einem Vorrecht
auf „Glasperlenspiele“ (H. Hesse) aller Art zu beginnen.
Der Übergang zu einer
zukunftstauglichen Informationsverarbeitung hätte sich zuerst an den
Universitäten und anderen „Bildungsstätten“ zu vollziehen, indem körperlich
relativ ausgereifte junge Menschen zusammen mit allen Altersklassen in
Kollektiven mit immer besserer Informationstechnik die kollektive Produktion
von Diagnosen und Prognosen für Verhaltensentscheidungen betreiben.
Wir sind Natur- und
Zivilisationswesen, Hybriden. Unsere naturhafte Intelligenz reicht im
Normalfalle nicht, diese Schizophrenie zu diagnostizieren und zu therapieren.
Wir kommen nicht weiter, wenn wir nicht unsere durch jahrtausendelange
Gedanken- und Sprachspiele und Tradierungen geprägten innersomatischen und
extrasomatischen „Modelle“, unsere Mythen, Märchen und „Glaubensbekenntnisse“
neu zu interpretieren vermögen. Es geht nicht um Bewahren ODER Verändern der
„Welt“, sondern um die RELATIONEN, in denen wir diese Doppelaufgabe vollziehen,
indem wir vor allem UNSERE WELT bewahren und UNSERE GESELLSCHAFT mit Hilfe
neuer MITTEL verändern!
Das wird schwieriger als es von
deutschen Forschenden und Lehrenden bisher angedacht ist. Möglich waren solche
Einsichten zwar bereits seit einem halben Jahrhundert. Aber diese Zeit wurde
vertan. Der Weg vom „Herumdoktorn“ zum informationsgestützten Entscheiden und
Therapieren ist kein „Kraftakt“ mehr, sondern er erfordert kollektive KLUGHEIT.
Die Zeit der Beliebigkeit „schöner“ und „starker“ Worte ist abgelaufen. Die
Relation Freiheit/Zwang erfordert dialektisch-komplementäre methodische MITTEL.