Der Mensch als der geborene Macher – Antithesen zu „Geboren, aber nicht gemacht“

Zu einem Artikel von Christof Gestrich: Kirchen und Embryonenforschung. Berliner Zeitung vom 29.06.01, S. 11.

 

         Der Mensch hat zwei Möglichkeiten der Weltwahrnehmung: Die Dinge möglichst unvoreingenommen als „natürliche Gegebenheiten“ zu registrieren  – oder sie mit einem bereits vorhandenen „inneren Bild“ zu vergleichen und dies „innere Bild“ über das von außen aufgenommene zu stellen. Da wir alle „Zivilisationswesen“ sind, die von frühester Kindheit an ge- und verbildet werden, macht es uns Schwierigkeiten, ohne die von uns in einem langen Zivilisationsprozess „gemachten“ Ikonen als Grundlagen unseres fundamentalistischen Denkens auszukommen. Welchen Kulturmenschen berührt das fromme bunte Bild des Meisters Bertram von der „Verkündigung“ nicht!? Wir könnten wissen, dass es diese „Verkündigung“ nicht wirklich gab. Aber wir haben handgemachte Ikonen als „Bausteine“ eines „schönen Weltbildes“, die hohen Wert für uns besitzen.

           Wenn Christof Gestrich ein frühes „christliches Glaubensbekenntnis“ über die Genese des Menschen zitiert  – „Geboren, aber nicht gemacht“ – so übersieht er möglicherweise die Bedeutung unseres Hybridcharakters als Natur- und Zivilisationswesen. Wir stehen in einer vielleicht als schizophren zu diagnostizierenden Position zwischen der Natur und einer „virtuellen Welt der von uns gemachten Bilder“. Und diese Bilder regten uns an zu einer völlig neuen Art von zivilisatorischen Realitäten – zur Schaffung einer von uns gemachten Welt von MITTELN aller Art.

Diese Strategie der Mittelproduktion bewahrte uns vor der Notwendigkeit, uns biologisch weiterzuentwickeln. Wir mussten uns nicht mehr durch ständige Mutation biologisch anpassen wie alle anderen Arten, sondern wir schufen uns eine Welt der Mittel, die umgekehrt unseren in der Steinzeit angelegten natürlichen Möglichkeiten und Bedürfnissen angepasst war. Und wir  haben inzwischen so viele Mittel um uns gehortet, dass wir die Natur, der wir entstammen, kaum noch kennen, dass unsere Lebensweise alles andere als natürlich ist.

Wir schufen uns nicht nur „Götter“ nach unserem Bilde, sondern in der Nachfolge des Prometheus auch Menschen, vor allem aber Mittel, mit denen wir uns selbst zu etwas machen konnten, was keiner Spezies zuvor gelang: Wir haben etwas aus uns gemacht, was wir von Natur aus gar nicht sind. Wir werden zwar noch halbwegs natürlich geboren, aber schon die Zeugung und vor allem unsere spätere „Bildung“ ist zu einem Prozess des dekadenten Andersmachens mutiert.

Die Zivilisationsgeschichte war immer auch der Versuch, die Welt und den Menschen im Sinne des Wortes und nicht nur virtuell umzuformen. Die „Transformation“, die Umgestaltung, war unsere früheste und über Jahrhunderttausende einzige Technologie. Wir haben sie in geradezu grandioser Weise genutzt, um uns und die Welt zu „verschlimmbessern“. Wir sind wie keine andere Spezies in der Lage, Realitäten „zu machen“ und uns selbst gegenseitig und ganze Gattungen von Lebewesen einseitig „niederzumachen“.

Ich gehöre noch einem Jahrgang an, der durch dieses Spiel des gegenseitigen „Niedermachens“ sich fast weltweit großenteils gewaltsam ausgerottet hat. Unsere Mittel reichen inzwischen erheblich weiter – nicht nur die kurzfristig wirkenden, sondern vor allem die mit der von uns kaum wahrnehmbaren Langzeitwirkung. Unsere Mittel sind längst der Kontrolle durch unseren Verstand entglitten. Die „Eliten“ haben eine „Entscheidungsgewalt“ darüber, der sie nicht gewachsen sind. Wir „Unteren“ genießen sie teils, teils tragen wir die „Risiken und Nebenwirkungen“. Von intellektueller Mitverantwortung sind wir weitgehend entbunden. Wir zahlen in DM und künftig in Euro, dem Mittel, das zugleich Herrschen und Beherrschtwerden ermöglicht. 

Wir sollten also dieses unser zwanghaftes Machenmüssen und Machenkönnen nicht zu leicht nehmen. Das Menschenbild der Kirche, das auf die Antike zurückgeht, entspricht nicht mehr den Realitäten unserer Tage. Wir haben uns gewaltig „weiterentwickelt“, jedenfalls unser „Machenkönnen“. Das, was wir gelegentlich als unantastbarer Menschenwürde bezeichnen, wird von uns real und konkret in einer Weise angetastet, vor der uns kein Verfassungsartikel bewahren kann. 

Es bleibt freilich eine Option offen, in der wir uns bisher nicht die Mittel „machen“ konnten, die wir uns etwa auf dem Gebiet der Energetik, der übermenschlichen Powerentwicklung und -vergötzung, erworben haben. Das sind die Mittel zur Entwicklung unserer gesellschaftlichen Vernunft und unserer Fähigkeit zum verantwortlichen Mitentscheiden in allen Fragen von Bedeutung. Hier gäbe es noch etwas Hoffnung und einige Chancen. Allerdings müßten wir dann so ziemlich alles anders machen als wir es jetzt wirklich tun.

Christof Gestrich stellt im Prinzip richtig fest: „Die gegenwärtigen bioethischen Auseinandersetzungen sind auch ein Glücksfall, weil sie die weltanschaulich so verschieden eingestellten Gesellschaftsmitglieder vor die Notwendigkeit eines wirklich in die Tiefe gehenden Nachdenkens und einer Verständigung stellen.“  Nur: das nackte naturhafte Nachdenken wird für eine Verständigung und ein „Andersmachen“ kaum ausreichen – auch nicht in der nächsten und übernächsten Generation Neugeborener

 

E. Schlegel